Heimat und Alter des Menschengeschlechtes. Die Sprache. 7
nicht mehr unter den führenden Völkern stehen? Droht den arischen Geschlechtern eingleiches Verhängnis, und wer wird die Erbschaft ihrer Kultur antreten?
Aber verscheuchen wir zunächst diese trüben Gedanken und wenden wir uns denSchätzen der Kultur zu, die uns die Thätigkeit längstverschollener Generationen geschaffenund vererbt hat. Wohl Las wichtigste und wahrscheinlich das älteste aller gemeinsamenGüter der Menschheit ist die Sprache. Durch sie wird es nicht nur möglich, Wünsche,Anregungen und Gedanken von. Person zu Person, von Volk zu Volk zu vermitteln,Erfahrungen zu sammeln und zu überliefern; noch viel bedeutsamer hat die Spracheunmittelbar auf den Geist des Menschen eingewirkt, der sich mit ihr und durch sie zuimmer größerer Klarheit durchgerungen hat und vom Denken in konkreten Bildern zuabstrakten Begriffen aufgestiegen ist. Aber gerade diesen Vorgang genauer zu verfolgensind wir außer stände: Die Sprachen der Urzeit haben keine Spuren hinterlassen, undin der Gegenwart entsteht keine Sprache mehr aus dem Nichts heraus, so sehr auchVeränderungen und Umbildungen überall stattfinden. Um so fröhlicher sind, von That-sachen nicht gestört, die Theorien emporgeschossen.
Berücksichtigen wir indessen die Quellen der Beobachtung, die uns allein offen stehen,vor allem also die Anfänge einer Sprache bei den höherstehenden Tieren und die Art,wie das Kind seine Empfindungen und Wünsche zu äußern beginnt, so entdecken wir zweiwichtigste Ansatzpunkte, von denen aus die Bildung einer wirklichen Sprache möglich ist.Einmal nämlich finden wir Laute, die als Reflexe auf eine äußere Einwirkung erfolgenund die wir als Schrei oder besser Aufschrei bezeichnen können. Der plötzliche Schreckbeim Anblick einer unmittelbar drohenden Gefahr erpreßt auch heute noch dem Menschenjenen unartikulierten Schrei, der zugleich Entsetzen auszudrücken und um Hilfe oder Er-barmen zu bitten scheint, genau wie ihn ein geängstigtes Tier anszustoßen Pflegt. Auchdie plötzliche Freude, selbst der überraschende Anblick eines schönen Gegenstandes odereiner wundervollen Landschaft wird oft von Ausrufen verschiedener Art begleitet, die dennauch, je weniger plötzlich die Überraschung auftritt, um so leichter schon als vollkommeneWörter und Sätze auftreten können.
Die andre Wurzel der Sprache, die wir als Ruf definieren wollen, entspringt ausdem Wunsche, nach außen zu wirken, die eigne Anwesenheit mitzuteilen und die Aufmerksam-keit andrer zu erwecken. In den Warnungsrufen der Vögel, in den Locktönen verschiedensterArt haben wir auch bei den Tieren diese Anfänge. Oft geht der Aufschrei in den Rufüber, wie z. B. die Warnungszeichen vieler Tiere ursprünglich nichts andres sind, alsbewußte Nachahmungen des Schreckensschreies.
Beide Anfänge der Sprache müssen sich nun in der Weise weiter fortgebildet haben,daß der charakteristische Ton und Ruf einer Person zugleich andern dazu diente, diesePerson in ihrer Abwesenheit zu bezeichnen, ihre Ankunft zu melden u. s. w. — mit andernWorten, aus Ruf und Schrei entstand der Name. Hier war nun eine außerordentlicheErweiterung der Sprache möglich, denn nicht nur Menschen, sondern auch Tiere undunbelebte Gegenstände konnten entweder mit den ihnen eigentümlichen Lauten bezeichnetwerden, wie noch jetzt der Kuckuck, oder, wenn auch seltener, mit dem Laute des Schrecksoder der freudigen Überraschung, den der Mensch bei ihrem Anblick anszustoßen pflegte.Endlich war auch für Dinge oder Handlungen, die keinen eignen Laut haben, doch eineArt Übertragung eines Gesichtsbildes in ein Lautbild möglich; so gibt z. B. das Wort„watscheln" eine bestimmte Art ungeschickten Ganges recht treffend wieder, ohne doch eindabei stattfindendes Geräusch nachzuahmen.
Gewisse Theorien suchten einseitig das Entstehen der Sprache aus einer einzigendieser verschiedenen Quellen zu erklären und setzten sich dadurch den berechtigtsten An-griffen aus. Die Verfechter einer Herausbildung aller Sprachelemente aus der Klang-nachahmung oder Tonmalerei mußten sich gefallen lassen, ihre Lehre als „Wauwau-Theorie" verspotten zu hören. Ihnen entgegen standen namentlich die Anhänger einerandern einseitigen Richtung, die den eben angedeuteten Parallelismus zwischen Gesichts-bild und Ton ins Ungemessene übertrieb und behauptete, jeder Körper habe wie Glasund Glocken seinen bestimmten Klang und nötige die Sprachwerkzeuge zu bestimmten