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Erster Band. Entwickelungsgang und Bildungsmittel der Menschheit.
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8 Einleitung: Entwickelungsgang der Menschheit.

Schwingungen. Der Hauptvertreter dieser ironisch als „Birnbaum-Theorie" bezeichnetenLehre ist Max Müller in Oxford .

Der Kampf um einseitige Erklärungen wird in der Völkerkunde mit der Zeit auf-hören, sobald nur die Erkenntnis durchgedrungen sein wird, daß alles zwar eine ersteUrsache haben muß, aber nicht eine einzige Ursache zu haben braucht. Wie ein Gerätim Notfall verschiedenen Zwecken dienen kann und, wenn es sich hierbei bewährt, ent-sprechend umgeformt zu werden pflegt, so kann auch der geistige Besitz der Menschheitneuen Aufgaben angepaßt werden und damit gewissermaßen eine neue, sekundäre Ursacheerhalten. Der Stein, der als Wurfgeschoß dient, kann auch, wenn man ihn durchbohrtund mit einem Stiele versieht, als Hammer gebraucht werden oder, wenn man ihn glättet,sich zum Zerreiben mehlhaltiger Körner verwenden lassen; so kann, wie schon bemerkt,auch der Schrei, ebensowohl wie der Ruf, zugleich als Namensbezeichnnng vorkommenund sich demgemäß umgestalten.

Die Sprache in ihrem unentwickelten Zustande war nicht fähig, alle ihre Aufgabenzu erfüllen und mußte in ausgedehnter Weise durch die Gebärdensprache unterstützt

werden. Oft finden sich in älteren Sprachengegensätzliche Begriffe durch ein einzigesWort bezeichnet, das nun durch einen be-sondern Zusatz oder eine Gebärde näherbestimmt werden muß, wie wenn wir etwaschwer und leicht oder hell und dunkeldurch ein Wort ausdrücken wollten. Wennwir von einem drei Jahre alten Kindeund einem neunzig Jahre alten Greisesprechen, so gebrauchen auch wir das Wort„alt" in diesem Falle nur als Andeutung,daß von einem Zeitmaße die Rede ist, undgeben ihm durch den Zusatz der Zahlen erstseinen wahren Sinn; würden wir dieseZahlen durch Gebärden mit den Fingernandeuten, so hätten wir ganz die ursprüng-liche Mischung der Laut- und Gebärden-sprache, die in dieser Weise z. B. im Alt-ägyptischen noch ganz üblich gewesen seinmuß. Man hat diese Erscheinung als„Gegensinn der Urworte" bezeichnet.

Auch die Gebärdensprache hat eine Entwickelung hinter sich, die freilich neben denstolzen Fortschritten der Lautsprache fast verschwindet, ja mittelbar von diesen aufgehaltenund abgeschnitten worden ist. Jedem verständlich und unbedingt zuerst erfunden sind dieNachahmungen gewisser Thätigkeiten; gerade Handlungen darzustellen ist die Gebärden-sprache vorzüglich geeignet, ja die Annahme ist wohl nicht zu gewagt, daß man in derVorzeit durch sie mit Vorliebe das Zeitwort ausdrückte, nachdem die Lautsprache zunächstdas Substantiv entwickelt hatte. Worte wie gehen, schlagen, essen, sind oder warenwenigstens durch Gebärden vielleicht deutlicher und leichter darzustellen als durch Laute.Aus diesen allgemein verständlichen Gebärden sind andre, meist Abkürzungen der vorigen,hervorgegangen, die nur der unmittelbar begreift, der ihren Sinn bereits kennt. So sinddie Zeichen für Bejahung und Verneinung, die Formen des Grußes, die Andeutungendes Friedens oder der Feindschaft nicht überall dieselben, sondern oft ganz verschieden unddem Unkundigen nicht ohne weiteres klar. Die ersten Europäer, die mit den Südsee-Jnsulanern verkehrten, wurden durch deren Nasengrnß vielleicht ebenso überrascht, wiediese durch die ihnen rätselhafte Sitte des Hntabnehmens.

Eine völlige Mischung der Gebärden- und Lantsprache findet gegenwärtig nicht mehrin der Weise statt, wie das in älteren Zeiten der Fall gewesen sein mag, es gibt keineSprache mehr, die in der Dunkelheit deshalb die Hälfte ihrer Verständlichkeit einbüßt,

s. Briknrn-Indurner, das Zeichen für „Lüge" gebend.Nach G. Mallery.

UM