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Erster Band. Entwickelungsgang und Bildungsmittel der Menschheit.
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Gebärdensprache und Lautsprache. g

weil die begleitende Gebärde unsichtbar bleibt. Immerhin sind im übrigen die Unter-schiede zwischen den Sprachen des Erdballs groß genug. Da ist zunächst schon die außer-ordentliche Wandelbarkeit primitiver Sprachen zu nennen gegenüber dem großen Beharrungs-vermögen der Kultursprachen, die durch das feste Band der schriftlichen Überlieferungzusammengehalten werden. Unglaublich rasch ändern sich oft die Dialekte kultnrarmerVölkchen, und es kann vorkommen, daß Stammesangehörige nach wenigen Jahrzehntender Trennung sich nicht mehr oder nur noch mühsam verständigen können. Fortwährendbilden sich neue Worte, selbst die Sprachverdrehnngen der Kinder gehen oft in die Rede-weise der Erwachsenen über; in Melanesien , wo die Sprachzersplitterung besonders starkist, kommt es vor, daß ganze Stämme willkürlich beschließen, gewisse Buchstaben nichtwehr auszusprechen, so daß mit einem Schlage ein neuer Dialekt und eine Scheidemanergegen einen ursprünglich gleichartigen Nachbarstamm entsteht. Und während einerseitsneue Wörter geschaffen werden, sterben andre ab. Besonders einflußreich ist die weit ver-breitete Sitte, die Namen Verstorbener nicht mehr auszusprechen und selbst das Wort,von dem der Name abgeleitet ist, zu vermeiden. Alle diese Wandlungen sind die Ursache,daß z. B. in Neuguinea der Reisende an der Küste auf einer Wanderung von wenigenMeilen die Gebiete mehrerer Sprächen kreuzt. Wie leicht endlich diese schwankendenDialekte mit ihrem geringen Wortschatz unter Umständen gegen die Sprache eines fremdenVolkes vertauscht werden, ist verständlich genug. Wir unterscheiden z. B. in Afrika diegroße Gruppe der Bantnvölker, die den ganzen Süden des Kontinents mit Ausnahmeder von Hottentotten und Buschmännern besetzten Gebiete einnehmen und sprachlich eineEinheit in demselben Sinne bilden, wie die Arier oder die Turkvölker. Dennoch ist dieseGleichartigkeit der Sprache Wohl nur ein Firnis, der tiefe Unterschiede zwischen deneinzelnen Völkergruppen dem oberflächlichen Blicke verhüllt; die Bantusprache herrschtfreilich, was aber das ursprüngliche Bantuvolk ist und welchen Anteil es an der Zu-sammensetzung der Negerrasse im anthropologischen Sinne hat, ist ganz fraglich; derNeger vertauscht eben seine Sprache mit Leichtigkeit gegen eine neue, sobald es ihmnützlich scheint.

Die Zahl der Laute, die sich mit Hilfe der menschlichen Sprachwerkzenge hervor-bringen lassen, ist von keinem Volke ganz ausgenutzt, und auch hieraus folgen gewisseVerschiedenheiten. Schnalzlaute, die am schwersten mit den übrigen Tönen zu organischenWortgebilden zu verschmelzen sind, werden von den Dialekten der Hottentotten und Busch-männer mit Vorliebe verwendet und erschweren die Erlernung dieser Sprachen außer-ordentlich; gelingt es doch selbst Hottentotten, die von Europäern aufgezogen worden sind,späterhin niemals, die Sprache ihrer Heimat zu beherrschen. Aber auch davon abgesehensind die Alphabete der verschiedenen Sprachen nicht gleichartig zusammengesetzt.

Wichtiger noch sind die Verschiedenheiten, die sich aus dem inneren Bau derSprachen ergeben. Dieser Bau ist ebenso wie der Wortschatz der Sprachen zugleich einhöchst brauchbares, wenn auch nicht unfehlbares Mittel, die Verwandtschaft der ver-schiedenen Völker, ihre gegenseitigen Beziehungen und Mischungen festzustellen. Fastimmer geht, wenn ein neues Element zu einem Volke hinzutritt und dessen Sprache an-nimmt, etwas von dem Wortschätze des verschwindenden Dialekts in den des siegreichenüber. So finden wir den angelsächsischen Kern der englischen Sprache durchsetzt vonkeltischen und französischen Formen und könnten, wenn uns alle Nachrichten verlorengegangen wären, die Geschichte des Volkes aus dem Zustand seiner Sprache wenigstens ahnen.

In ihrem inneren Bau zeigen nun die menschlichen Sprachen eine außerordentlichverschiedene Beschaffenheit. Merkwürdigerweise ist gerade die Sprache eines der ältestenKulturvölker, der Chinesen, auf der kindlichsten Stufe der Entwickelung stehen geblieben, viel-leicht auch deshalb, weil sie besonders früh durch die Schrift in ihrer Umbildung ausgehaltenWorden ist. Auf den ersten Blick möchte man glauben, daß die Einfachheit der Spracheeher ein Ergebnis der langen Knltnrentwickelung wäre, wie ja auch die europäischenSprachen mit der Zeit immer lakonischer geworden sind; allein da der MandarinendialektChinas noch jetzt, wie sich nachweisen läßt, fast derselbe ist wie znr Zeit des Konfucius,und da außerdem mehrere wenig kultivierte Stämme ähnliche unentwickelte Idiome

Das Buch der Erfind. I. 2