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Erster Band. Entwickelungsgang und Bildungsmittel der Menschheit.
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Einleitung: Entwickelungsgang der Menschheit.

Natur wirkt die Berührung mit den Kulturvölkern auf die kleinen Gewerbe und Künsteder Naturstamme, die vor dem übermächtigen Wettbewerb der europäischen Warenerliegen. Damit aber geht ein großer Teil gesunden Volkslebens zu Grunde, und mitder geistigen Kraft erlahmt auch die Widerstandsfähigkeit gegen andre verhängnisvolle Ein-flüsse der Kultur.

Übrigens geht diesem völligen Verschwinden einer Kunstfertigkeit in der Regel eineZeit des Überganges voraus: die alte Kunst wird noch gepflegt, aber man benutzt euro-päische Fabrikate und Abfälle, um die gefertigten Gegenstände aufzuputzen. So werdendie bekannten prachtvollen Holzschnitzereien von Neumecklenbnrg zwar noch gegenwärtighergestellt, aber statt der alten Erdfarben benutzt man europäische Farben, statt derAugen aus Muschelschale setzt man den Figuren Glassplitter ein, und statt sie sorg-fältig zu bemalen, beklebt man sie mit Etiketten von Konservenbüchsen. Häufig zer-trennt man auch europäische bunte Stoffe und verziert mit den Fäden die einheimischenGewebe.

Das Verflechten biegsamer Ruten und Bänder zu Matten, Windschirmen, Kleidungs-stücken u. s. w. ist eine Kunstfertigkeit, die man als Allgemeingut der Menschheit bezeichnendarf, und sicher eine der ältesten überhaupt. Die regelmäßigen Muster, die bei der Ver-schränkung schmaler Streifen und Fäden entstanden, beschäftigten die Phantasie und locktenzu weiterer Ausbildung, die durch verschiedene Anordnung der Streifen und durch Ver-wendung mannigfaltiger Farben zu erreichen war. So wirkte die Flechtknnst entscheidendauf die Ornamentik ein, da man ihre Muster gern auf andre Stoffe übertrug. Das ein-fache Flechten geht durch unmerkliche Übergänge in die Weberei über, die nicht allenVölkern bekannt ist.

Da man die Erzeugnisse der Weberei vorzüglich zur Bekleidung des Körpers ver-wendet, so mögen sich einige Bemerkungen über die Tracht anschließen, obwohl wir diesevon einem ganz andern Gesichtspunkte aus anstellen müssen als die bisherigen. Als wirdie Holz- und Steingeräte, die Töpferei und Flechtknnst kurz betrachteten, gingen wir vomStoff aus und suchten nachzuweisen, wie man ihn immer mehr beherrschen und zu immerzweckmäßigeren Leistungen nötigen lernte. Bei der Frage nach der Entstehung der Klei-dung ist dagegen der Stoff Nebensache; ob man sich in ein Fell, einen Rindenstoff oderein seidenes Gewand hüllt, ist der Frage gegenüber gleichgültig, warum man überhauptzur Verhüllung greift. Die Antwort, daß man sich gegen die Unbilden der Witterungschützen will, da dem menschlichen Körper ein natürliches Haarkleid fehlt, ist rasch bei derHand und in gewissem Sinne auch richtig; aber das ganze Problem ist viel weniger ein-fach, als es auf den ersten Blick scheint.

Es ist gewiß eigentümlich, daß fast überall die Anfänge der Kleidung mit einemVerhüllen der Geschlechtsteile zusammenfallen, die man bezeichnenderweise auch direktSchamteile zu nennen Pflegt. Die Kinder, deren Geschlechtsleben noch nicht entwickelt ist,gehen bei fast allen Naturvölkern nackt; der größeren natürlichen Zurückhaltung des weib-lichen Geschlechtes entsprechend, erscheint dies dagegen in der Regel am frühesten und amreichlichsten bekleidet. Auf die Frage, warum man gerade die äußeren Merkmale dergeschlechtlichen Unterschiede und das Geschlechtsleben überhaupt zu verstecken sucht undwarum diese absichtliche Unterdrückung aller stärkeren Äußerungen dieser wichtigen Seitedes menschlichen Daseins bei den Kulturvölkern mit immer größerer Schärfe durchgeführtworden ist, kann hier nicht eingegangen werden. Als Folge — nicht etwa Ursache —dieser Entwickelung erscheint das Schamgefühl, das nicht nur den verschiedenen Völkern,sondern auch bei den einzelnen Menschen von sehr verschiedener Stärke ist und seinerseitsnatürlich, nachdem es eingewurzelt war, die Tracht mächtig beeinflußt hat. Sehr baldfreilich wird die Schamhülle auch andern Zwecken dienstbar gemacht, die schließlich ganzin den Vordergrund treten, sie soll als Schutz gegen Nässe und Kälte, aber auch alsSchmuck dienen, und sie vergrößert sich ebenso, wie ihre Aufgaben wachsen.

Stoffe, die dem anfänglichen geringen Bedürfnis nach Kleidung genügten, fandensich leicht. Das berühmte Feigenblatt der Eva hat noch heute seine Parallelen, und esist gewiß merkwürdig, daß grüne Blätter fast ausschließlich dem schöneren Geschlechte als