Band 
Erster Band. Entwickelungsgang und Bildungsmittel der Menschheit.
Seite
198
JPEG-Download
 

198

Baukunst: Gotische Epoche.

Im ganzen zeigt sich die Frühgotik durchaus individueller als die romanische Kunst;sie ist auch die Schöpfung weniger Männer, meist Laien, die als künstlerisch ausgeprägtePersönlichkeiten hervortreten, wenn wir auch nur selten ihren Namen wissen.

Die französische Hochgotik erscheint schon ruhiger, als die einer Sturm- uudDrangpcriode entsprossene Frühgotik. Die großen Erfindungen sind gemacht, das neueBau- und Dekorationssystem hat sich gebildet, und es handelt sich nur noch darum, dieKonsequenzen des Errungenen in der größeren Kühnheit und Leichtigkeit der Konstruk-tionen, in der Vermehrung der dekorativen Bauglieder und in einer freieren, der Naturnäher kommenden Auffassung der Vorbilder. Als Markstein an der Grenze der Hoch-gotik steht der Bau zweier Schloßkapellen, der Chapelle rvyal des Schlosses vonSt. Germain en Laye und der Samt-Chapelle zu Paris , von Pierre von Montereauerrichtet. In Paris ist eine Unter- und Oberkirche vorhanden; die erstere ist durch Säulendreischiffig geteilt, und beide Geschosse schließen mit einem Chor in gleicher Breite desMittelschiffes. Die obere Kapelle geht bis zur äußersten Grenze konstruktiver Leichtigkeit,indem die Fenster den ganzen Raum zwischen den Strebepfeilern und den Schildbogeneinnehmen. Eine ähnliche, noch originellere Ausbildung zeigt die Kapelle von St. Gcrmaincn Laye. In dieser sind die mit Diensten versehenen Strebepfeiler in das Innere hinein-gezogen, so daß die Fenster das ganze Viereck zwischen den Strebepfeilern und dem Trauf-gesims ausfüllen und ein innerer Umgang mit Durchbrechung der Pfeiler hergestelltwerden konnte. Im allgemeinen wurde in dieser Epoche an den frühgotischen Kathedralenweitergebaut, nun im Stile der Hochgotik. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts wurdeein großer kirchlicher Neubau, die Kathedrale von Beauvais , errichtet, welcher die neueStilperiode auf ihrem höchsten Gipfel zeigt. Das Mittelschiff von Beauvais erreichteine Höhe von 46,s m, annähernd das doppelte des Höhenmaßes der ersten früh-gotische» Kathedralen. Der Chor behält den Umgang mit Kapellenkranz bei, zeigt abernicht mehr die runde, sondern die polygonale Hauptlinie, und die zwischen den Kapellenliegenden Mauerteile werden zu Strebepfeilern. Der Langchor wird fünfschiffig, derKreuzgang dreischiffig ausgebildet. Die Querschiffe erhielten ähnliche Fassaden wie dieWestseite, mit Portalen und Fenstern. Die Türme wurden unentbehrliche Teile der West-fassade. Der Chor wurde niedriger gelegt, und die Emporen mußten fortfallen. Zugleichbegann das in einigen französischen nördlichen Provinzen ausgebildete Bausystem sich nachSüden über die Loire hin nach Provinzen auszubreiten, die nichts zur ersten Ausbildungdes Stiles beigetragen hatten. Aus dieser Übertragung des Stiles entstehen in derAuvergne der Chor der Kirche von Clermont-Ferrand , in Aquitanieu die KathedraleSt. Andre bei Bordeaux und der Chor der Kathedrale von Limoges , in der Provenceder Chor der Kathedrale von Narbonne, im Languedoc die Klosterkirche von Vallemagne.In derselben Zeit wurde in der Normandie die Kathedrale von Rouen in normännisch-französischer Gotik umgebaut, in derselben Art die Kirche von En.

Eine dekorative Absicht lag in der nun eintretenden häufigen Teilung der Gewvlbe-kappen durch Neben- und Scheitelrippen. Am Vierungsgewölbe der Kathedrale vonAmiens sind gebogene Scheitelrippen vorhanden, und die Nebenrippen bilden einen Stern.In der Normandie, in der Kathedrale von Bayeux , zeigen sich horizontale gerade Scheitel-rippen, ähnlich wie in England. Das Maßwerk der Fenster wird reicher durch Einführungder sogenannten jungen Pfosten, wie dies an der oberen St. Chapelle zu Paris zu be-merken ist. Eine Eisenteilung der verglasten Öffnungen blieb allerdings immer noch not-wendig. Die Hochfenster der Kathedrale von Amiens sind mit dem Triforium zu einerEinheit zusammengezogen. Die Ziergiebel über den Fenstern treten zuerst an derSt. Chapelle zu Paris auf; sie sind mit Kantenblättern und einer Endignngsblume ver-sehen. Die Westtürme der Kathedralen zeigen sich als hohe künstlerische Leistungen inihrer Verbindung mit den Portalen und Galerien und in den aus Steinplatten her-gestellten Helmen. Das Blattwerk der Hochgotik schreitet nach der Mitte des 13. Jahr-hunderts znr genaueren Nachahmung der heimischen Pflanzenformen fort; am frühestengeschieht dies in der Champagne, etwas später in der Jsle de France, während Burgund am längsten der streng monumentalen Auffassung treubleibt. In den erstgenannten