Band 
Erster Band. Entwickelungsgang und Bildungsmittel der Menschheit.
Seite
288
JPEG-Download
 

288

Baukunst: Neuklassizismus und Romantik.

von S. Giovanni im Laterans zu Rom auf den Palladianischen Stil zurück. Fnga istwieder etwas mehr barock in seinem Palazzo della Consulta in Rom und in der westlichenHauptfassade von S. Maria maggiore. Gregorini hält in der Fassade von S. Croce inGerusalemme an den geschwungenen Grundrißlinien fest. Salvi zeigt an der Dekorations-mauer der Montana di Trevi in Rom noch einmal die ganze schwungvolle Kraft desBarockstils. Carlo Marchionni gehört noch zu den letzten Barockmeistern, seine VillaAlbani in Rom ist im Äußern barock; nur im Innern sieht man Herkulanische Grotesken.Das große Schloß zu Caserta von Vanvitelli ist äußerlich ganz nüchtern; besser ist dasInnere mit der großartigen drciarmigen Treppe. Piranesi in Rom ist der große Stecherund Radierer dieser Periode. Die Ruggieris in Florenz gehen auf die ältere Renaissancezurück. In ganz Oberitalien ist eine Rückkehr zu Palladio bemerkbar. Piermarini inMailand, Selva in Venedig mit seinem großen Theater la Fenice, Pompei in Verona nnd andre sind entschiedene Nachfolger Palladios. Der genuesische Palastbau folgt dem-selben Vorbilde.

Die dekorative Malerei hält sich noch oft an das Vorbild Pozzos; indes entscheidetder deutsche Maler Raphael Mengs in Rom den Sieg der neuklassischen Richtung durchsein Deckenbild, den Parnaß, in der Villa Albani. Die italienische Skulptur behält nochbis auf Canova, der die Neuklassik einleitet, den nachberninischen Stil bei.

Der Klassizismus in Belgien zeigt eine eigne Mischung des italienischen Barocksmit dem englischen Palladianismus. Das Palais der Generalstaaten in Brüssel stehtunter englischem Einfluß, ebenso die Kirche der Priorci von Condenhoven daselbst, welchedurch Guimard errichtet ist. Von Dewez' Bauten ist das meiste zerstört; die Abteikirchevon Blierbeck bei Löwen bildet eine große Rotunde, umgeben von acht Paar gekuppelterkorinthischer Säulen.

Auch in Spanien macht sich der Palladianismus bemerkbar. Das Zollhaus inValencia, der Palast Villa Paterna daselbst, das Thor von Alcala in Madrid , letzteresvon Sabatini erbaut, gehören in diese Periode. Die Börse zu Barcelona zeigt französisch-klassizistische Formen. Der Hanptmaler dieser Zeit in Spanien ist Francisco Jose di Goya;er malt seine Fresken noch in der Art Tiepolvs, zugleich aber schildert er in seinenRadierungen die galante Welt dieser Zeit.

In den skandinavischen Ländern werden Rokoko und Klassizismus durch fran-zösische Künstler eingeführt. In Rußland herrschen im Profanbau die Italiener; nur imKirchcnbau bleibt der altrussisch -byzantinische Einfluß bestehen. Quarenghi baut nachdem Vorbilde Palladios und geht später znr Neuklassik über.

XVI. Neuklassizismus und Romantik.

In der im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts beginnenden neuen Kunstepochegehen zwei Hauptrichtungen, Neuklassizismus und Romantik, unvermittelt neben-einander her. Die tiefgehenden Umwälzungen auf geistigem nnd politischem Gebiete,welche das Ende des vorigen Jahrhunderts bezeichnen, schienen eine Zeitlang die Grenzender Nationalitäten vermischen zu wollen, außerdem ließen die raschen Fortschritte in denNaturwissenschaften in ihrer Anwendung auf das tägliche Leben die Kunstinteressen einiger-maßen in den Hintergrund treten. Da es aber unmöglich ist, daß die Kunst untergeht,so erscheint bald wieder über den Trümmern des Alten ein Streben nach neuen Idealen,nach Wahrheit, Natur und innerlichem Empfinden, und macht der verzopften und ver-schnörkelten Vergangenheit ein Ende. Allerdings ergibt sich eine stilistische Zwiespältigkeitder neuen Kunst, und diese beruht auf tief innerlichen Gegensätzen des modernen Lebens,die bis heute noch keine volle Ausgleichung gefunden haben. Die damalige griechisierendeNeuklassik entsprach einem kosmopolitischen Humanismus, während die Romantik denchristlich-religiösen, zugleich aber den vaterländischen Forderungen gerecht werden wollte.Die geschilderten Gegensätze gelten für die europäischen Länder mit Ausnahme Italiens ;dieses Land wird nun zu einer Art neutralen Zone, wohin die Künstler aller Länder