Bauwerke in Schottland und Frankreich . 289
wallfahrten, sowohl Klassiker als Romantiker, um sich daselbst die Anregungen für ihrebesonderen Richtungen zu holen.
Um die Anfänge der romantischen Richtung zn finden, müssen wir vor die Mittedes 18 . Jahrhunderts zurückgehen, und zwar nach Schottland , wo in dieser Zeit regel-rechte gotische Schlösser entstanden. Douglas Castle von William Adam , Jnverary Castlevon Moris wurden ganz im gotischen Befestigungsstile errichtet. Nach England verpflanztesich der romantische Sinn durch die Vorliebe für die natürliche Gartenkunst. Lord Walpoleließ Strawbury Hill Castle im Innern gotisch erbauen, Chambers gab Milton Abbey ingotischer Gestalt. Zugleich aber trugen die Engländer am meisten zum Bekanntwerdender griechischen Denkmäler bei und förderten damit die Ausbreitung des Neuklassizismus.In Frankreich wird dieselbe Stilrichtung durch Laugiers „Lssai sur l'aroüitsotnrs" ein-geleitet, in welcher Schrift die Hütte als Muster der Baukunst gepriesen und die kon-struktive Notwendigkeit für alle Gliederungen verlangt wird. Laugier preist die griechischenMonumente ohne sie zu kennen, während Graf de Caylus, ein andrer Vorläufer derNeuklassik, bereits aus eigner Anschauung berichten konnte. Für Deutschland war Winckel-mann der Wiederhersteller des Geschmackes an der Antike geworden, durch die von ihmausgehende seelische Vertiefung in das griechische Ideal der Plastik. Indes konnten diegleichzeitigen Bildhauer den Ausdruck des modernen Lebens und des Christentums nichtmit griechischen Mitteln bewirken und verfielen in eine einseitige inhaltslose Schönheits-hascherei. Für die Malerei wurde der Winckelmannsche Einfluß zunächst geradezu ver-hängnisvoll, die Gemälde werden zu kolorierten Studien nach griechischen Statuen undReliefs. Zugleich mußten die Bauwerke öde werden, indem sie die willkürlichen Formenvermeiden wollten und das Neue keine passende Aushilfe bot. Am meisten litt die Deko-ration, der die Motive der Renaissance versagt waren, an entschiedener Armut der Formen.Die Versuche, altgriechische, etrnskische, sogar ägyptische Elemente in das Dekorations-wesen einzuführen, fielen unglaublich ungeschickt und im Maßstab verfehlt aus. Die Farbewar unterdes fast ganz aus der Dekoration entschwunden.
Frankreich befindet sich am Ende des 18 . Jahrhunderts immer noch an der Spitzeder europäischen Entwickelung, obgleich sich bald darauf das alte Abhängigkeitsverhältnislösen und die befreiten Völker des übrigen Europa mehr und mehr in eine selbständigeEntwickelung einlenken sollten. In der Mitte der künstlerischen Bewegung Frankreichs steht in dieser Zeit der Maler Jacques Louis David , der durch den Gegensatz seinermännlich herben Strenge zu dem leichtfertig tändelnden Wesen seiner Vorgänger wirklichoriginal erschien. David gab in seinen Bildern eine heroische Auffassung des Lebens; erschätzte unzweifelhaft die Antike, aber er hatte zugleich ein starkes einfaches Naturgefühl.Außerdem besaß David, als Erbteil der französischen Schulüberlieferung, ein bedeutendeskoloristisches Können. In der Architektur fehlt dieser Periode ein großes Talent. Gondouinerrichtete die Schule der Chirurgie mit einem großartigen Peristyl von acht korinthischenSäulen und reliefgeschmückten Giebel, Antoine gab dem Portal im inneren Hofe derCharite griechisch-dorische Säulen nach dem Muster von Pästum. Die Kirche St. Philippedu Roule zu Paris von Chalgrin ist einstöckig mit dorischem Portikus und Giebel , über-ragt von einer hohen Attika. Eine Anzahl Privathäuser von Brogniart, Girardin,Peyre u. a. zeigen in den Fassaden öfter den Einfluß der neu entdeckten Tempel zuPästum ; es wird an den Fassaden immer nur ein Geschoß durch eine Ordnung bezeichnet,zugleich kommen terrassierte Stufendächer und andre denkmalartige Formen vor. DasInnere der Wohnhäuser wird dagegen meist noch im Dekorationsgenre Louis XVI. gehalten. Ein typisches Fassadensystem hat sich der neue Stil noch nicht gebildet, imallgemeinen herrscht die Dekoration der Mauerflächen durch Halbsäulen und leichte Quade-rung, sowie der Schmuck durch vasenbildartige Relieffriese vor.
Der französische Empirestil hatte schon in England einen Vorläufer in einemstreng antikisierenden Palladianismus, der bereits die Außenformen wieder im Innernverwendete und an die Stelle der anmutigen Zierlichkeit eine kalte Großheit setzte. DieBegründer des Empirestiles in Frankreich sind Percier und Fontaine, die ihre Studien in
Das Buch der Erfind. I. 37