Band 
Erster Band. Entwickelungsgang und Bildungsmittel der Menschheit.
Seite
444
JPEG-Download
 

444

Ortsanlagen.

aber überschritten die Ostgcrmcmen die Donaugrenze, durchbrachen die westlichen Völkerden rheinischen Pfahlgraben. Kaiser Probns warf sie noch einmal hinter den Neckar und die rauhe Alp zurück. Aber nach seinem Tode ergoß sich die Völkerflut unaufhaltsamüber das linksrheinische Land, Verwüstung und Zerstörung überall hintragend. Dieantike Kultur versinkt, und zwischen den Trümmern der römischen Pflanzstätten siedeln aufihren Höfen wehrhafte Männer germanischen Stammes.

Im fünften und sechsten Jahrhundert sehen wir aus ihren Trümmern die Römer-städte wiedererstehen, zunächst großen offenen Dorfschaften gleichend. Unterstützend underziehend tritt die Kirche ein, welche nicht nur jene älteren Anlagen wieder aufbauen hilft,sondern auch auf dem bis dahin noch unberührten Boden Deutschlands neue Ortschaftengründet. Aus England und Irland vorzugsweise kommen die Glaubensboten, welche bisnach Hessen und Thüringen hin das Evangelium tragen, Kirchen und Klöster errichten,um welche sich die neu gewonnenen Gläubigen scharen. Der hervorragendste unter ihnenwar im achten Jahrhundert Winfried, lateinisch Bonifacius genannt, ein Angelsachse.In Amönebnrg, wo er zum erstenmal den hessischen Boden betrat, erhob sich die Mutter-kirche des Oberlahngaues. Fritzlar , wo er die heilige Eiche des Donnergottes fällte,wurde der geistliche Mittelpunkt des Hessengaues. Fulda und Hersfeld wurden auf seineVeranlassung gegründet. Zu Fulda in der Bonifaciuskapelle ward der Leib des Glaubens-helden nach seinem in Friesland erfolgten Märtyrertode bestattet. Die alte MarktstätteErfurt, ferner Würzburg, Münster, Osnabrück, Paderborn, Bremen, Hildesheim erwuchsengleichfalls unter kirchlicher Förderung aus früheren kleineren Anfängen.

Andre Städtegründungen schließen sich an kaiserliche Hofhaltungen. Durch dieNachricht, daß Karl der Große „in der berühmten Ortschaft Frankfurt a. M." eine Reichs-versammlung gehalten, taucht diese den wichtigen Flnßübergang deckende Stadt 794 ausdem Dunkel ihrer Vorgeschichte auf. Karl gab auch der Stadt Aachen , deren Bäderschon den Römern bekannt waren, ihren mittelalterlichen Glanz. An seinen Namen knüpftsich die Gründung Hamburgs an der Elbmündnng, während Ulm sich um eine kaiserlichePfalz seines Nachfolgers Ludwigs des Deutschen anbaute. Aus den Trümmern der römischenStadt der Tiguriner erhebt sich Zürich , wo die Töchter Ludwigs 853 ein Münster stifteten.

Zum Schutz gegen die Slawen und Ungarn errichteten die sächsischen Kaiser Burgenund umschlossen Dörfer mit Ringmauern. Heinrich I. legte den festen Ort Meißen an und ummauerte Quedlinburg , das auch seine Grabstätte birgt. Mersebnrg befestigteer gleichfalls und baute das Schloß zu Goslar als Anfang der Stadt. Duderstadt ,Nordhausen traten zu seiner Zeit hervor. Unter seinem Sohne Otto dem Großen trittLüneburg in die Geschichte ein. Den Burgflecken Magdeburg , die Morgengabe undspätere Grabstätte seiner geliebten Gemahlin Editha, erhob Otto der Große zum Erzbistum.Bald tauchen auch im Slawenlande bisher ungenannte Ortschaften auf, die später zudeutschen Städten geworden sind, Kolberg, Wollin, Danzig, Leipzig , Halle. An derNordmark des Reiches macht sich Schleswig bemerkbar. Auf westfälischem Boden erwächstaus bäuerlichen Anfängen Dortmund, im Hessengau Kassel, an der Lahn Weilburg undLimburg, in Thüringen Mühlhausen, Gotha, Eisenach, Weimar , in Franken Erlangen,Fürth, Schweinfurt und Ochsensnrt.

Unter den Salischen Kaisern beginnt eine freiere Entwickelung der Städte. DerHandel entfaltet sich, die Handwerker fangen an auf eignen Füßen zu stehen, die Zu-wanderung unfreier Arbeiter vom Lande mehrt die Einwohnerschaft, um die Altstadt setztsich die Neustadt, als besondere Stadt in den christlichen Gemeinwesen werden die Juden-gassen abgeschlossen. Neu auftretende Städte sind Nürnberg , wo Heinrich III. 1050einen Reichstag abhält, Soest, Freiburg im Breisgan, 1120 von Konrad III. gegründet.

Es folgt die Zeit der Hohcnstausischen Kaiser. Heidelberg, Hagenau und Geln-hansen sind städtische Pflanzungen Friedrichs des Ersten. Um eine uralte Burg erblühtRotenburg a. d. Tauber, 1172 znr Reichsstadt erhoben. In der Schweiz erwachsen,von den Zähringern gegründet, Freiburg im Üchtland und Bern . Auf dem Grund deralten römischen Vinäodona war in der Zeit der Völkerwanderung Uadiana entstanden,bis der Name Wien den römischen in den Hintergrund drängte, als Heinrich Jasomirgott