172 Glasindustrie.
Tiberius ließ aber den Entdecker hinrichten, weil er fürchtete, daß durch diese EntdeckungGold und Silber entwertet würden. Auch später tauchten in Frankreich Leute auf, diehämmerbares Glas herstellen zu können vorgaben. Auch gab es Alchimisten, die dieseKunst zu beherrschen behaupteten, doch hörte man nicht, daß solches wirklich hergestellt ist.Erst den neueren Bemühungen de la Bastus, Piepers, Meusels, Schotts, Siemens' u. a. istes schließlich gelungen, ein Glas herzustellen, das sich durch große Widerstandsfähigkeitgegen Temperaturwechsel und gegen Schlag und Stoß auszeichnet. Diese Glassorte wirdmit Hartglas, elastisches Glas oder Vulkanglas bezeichnet. — Vom 3. Jahrhundert abgeriet jedoch die römische Glasindustrie in Verfall, vermutlich deshalb, weil die Herrscherder Kunst nicht mehr das Interesse entgegenbrachten wie früher; äußerte doch ein Kaiserdes 3. Jahrhunderts, ein so gewöhnlicher Artikel wie Glas sei ihm zuwider, er wolle nuraus goldenem Becher trinken. Das Material selbst blieb in Anwendung, seine künstlerischeVerwendung jedoch verlor sich mehr und mehr und damit auch allmählich die Kunstfertig-keit seiner Bearbeitung.
Ob den Chinesen — wie so viele andere Gewerbe — auch die Glasmacherkunstfrüher als den Ägyptern bekannt gewesen sei, wissen wir nicht. Aus den Memoiren undBerichten der Missionare von Peking geht zwar hervor, daß die Glasindustrie bereitsvor länger als 2000 Jahren in China bekannt war, jedoch scheint auch hier das Glashauptsächlich zur Herstellung von Luxuswaren gebraucht worden zu sein.
In alten germanischen und slawischen Gräbern finden sich ebenfalls Glas-überreste, allein man ist hierbei nicht im stände zu erkennen, ob dieselben von den Ur-bewvhnern selbst gefertigt oder auf dem Wege des Handels zu ihnen gelangt sind. Sindes eigene Produkte, so dürfte die Glasmacherei bei den Slawen ein höheres Alter haben,als bei den Germanen, denn in den Grabstätten jener finden sich Glasgegenstände nochmit Steinwerkzeugen und Steingeräten zusammen, während die alten Deutschen , bevor siedas Glas kennen lernten, anscheinend bereits eine ziemliche Stufe der Metallbearbeitungerstiegen hatten. In den altnordischen Heldenliedern und Mythen findet man das Glasöfters erwähnt, und ebenso spielt es in den Sitten und Gebräuchen der keltischen Völkerdie Rolle, die es infolge seiner Klarheit und Schönheit einzunehmen berechtigt ist.Unter den aus den britischen Inseln ausgegrabenen, aus der Druidenzeit stammendenGegenständen finden sich farbige Glasperlen und Amulette; hieraus haben Altertumsforscherden Schluß ziehen zu dürfen geglaubt, daß die Glasmacherkunst schon vor dem römischenEinfall in Großbritannien bekannt gewesen sei. Es ist jedoch kaum anzunehmen, daß einVolk, welches so geringe Spuren von Zivilisation zeigte und dem keine von allen übrigenKünsten bekannt war, schon in die komplizierten Prozesse dieses Industriezweiges ein-geweiht gewesen sei und darin vollkommenes geleistet habe, denn die Amulette der Druidenzeugen von einer gewissen Geschicklichkeit der Unfertiger und sind häufig schön gefärbteNachahmungen der kostbarsten Schmucksteine. Viel wahrscheinlicher ist es, daß die altenBriten diese durch ihren Verkehr mit den Syrern erhielten, die häufig die Insel besuchtenund Tauschhandel trieben. Von den Römern wurden die Gallier in der Kunst des Glas-machens unterrichtet, deren Kenntnis nicht viel später auch nach England gelangt sein dürfte.
Es sind antike Gläser analysiert worden, die — obwohl von verschiedenen Fund-orten und verschiedenem Aussehen — doch sämtlich eine große Übereinstimmung in ihrerZusammensetzung ausweisen. Die alkalische Basis in denselben ist Natron — aus derägyptischen Soda, dem „uitruiu" der Alten — und erst die Einführung der Soda ausden Seepflanzen scheint den geringen Kaligehalt, der sich in einzelnen alten Glassortenvorfindet, bewirkt zu haben. Daß dem Glassatze auch schon Braunstein hinzugegebenwurde, geht aus der chemischen Untersuchung ebenfalls hervor, und wahrscheinlich ist esdieses Material, welches Plinius mit „luaAuss laxis" als einer Zuthat erwähnt, dieman fälschlicherweise für Magnetstein gehalten hat. Da nun auch Kalk — teils alsMuschelschalen, teils als Marmor ,— unter die Bestandteile gehörte, so haben wirbereits alle diejenigen Substanzen zusammen, welche auch jetzt noch für die gewöhnlichenWeißglassorten in Anwendung sind. Außer dem schon erwähnten Flusse Belus war derVolturnus wegen seines guten Sandes bei den alten Glasmachern ganz besonders