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Siebenter Band. Die Industrien der Steine und Erden. Chemische Industrie.
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Schwefelwiedergewinnung bei der Leblanc-Sodafabrikation. Ammoniaksodafabrikation. 415

Man sollte es nun kaum glauben, daß eine sich auf einer derartigen Höhe be-findende Riesenindustrie, wie es die Leblanc-Sodafabrikation mit ihren Nebenbetrieben ohneZweifel ist — sie hat in ihren Glanzzeiten 30000 Arbeiter beschäftigt — Plötzlich ausdem Sattel gehoben werden kann, und doch droht ihr seit Beginn der achtziger Jahre dieGefahr des Unterganges und ist ihre Ruhe dahin. Und zwar droht die Gefahr von feitender sogenannten Ammoniaksoda, die nach dem speziell von Solvay ausgearbeiteten Ver-fahren dargestellt wird, woher sie auch den Namen Solvay -Soda führt.

Die Ammoniaksodafabrikatton.

Von den vielen Methoden, nach denen Erfinder versucht haben, neben der Leblanc-schen Arbeitsweise eine weitere, womöglich einfachere Art der Sodaherstellung aus Koch-salz im großen durchzuführen, hat nur das Verfahren von Solvay Fuß zu fassen ver-mocht, ja diese neue Methode tritt also als höchst bedrohlicher Konkurrent jener älterenFabrikation auf. Es beruht seinerseits auf einer den Chemikern lange bekannten rechteinfachen Umsetzung. Wenn man nämlich zu einer Kochsalzlösung eine Lösung von doppelt-kohlensaurem Ammoniak setzt, so scheidet sich, ohne daß Erwärmen nötig ist, aus derLösung sehr reichlich doppeltkohlensaures Natron aus, und erhitzt man dieses, so geht esin einfach kohlensaures Salz, in Soda , über. Letzteres wissen wir schon von S. 409 her.

Kochsalz -l- Doppeltkohlensaures Ammoniak — Doppeltkohlensaures Natron -i- ChlorammoniumUaOI tUUZUOOg ---- UaUO.Og 4 - UU.6I.

Kurzum ein Verfahren, dessen Einfachheit nichts zu wünschen übrig zu lassen scheint. Dabraucht man keine Schwefelsäurefabrikation, da gibt es keine Schmelzöfen, die lästige Salz-säure kommt nicht vor, da ist kein Schwefel aus Ruckständen wiederzugewinnen u. s. w.

Zuerst ließen sich auf dieses Verfahren Dyar und Hemming im Jahre 1838 einenglisches Patent geben. Obgleich sehr viele Fabrikanten, da die Sache so einfach aus-sieht, sowohl in England, Deutschland wie Frankreich sich seitdem viel Mühe um die Sachegaben, kam nichts Erfolgreiches zustande. In jener Zeit war auch Ammoniak noch sehrteuer, was ein wunder Punkt der Methode gewesen sein wird. Heute liefern die Gas-anstalten, wie wir bei deren Beschreibung ausführlicher besprechen werden, jedes ge-wünschte Quantum desselben zu billigem Preise.. Doch geriet das Verfahren nicht mehrin Vergessenheit, und die Patentlitteratur der verschiedenen Länder zeigt fortwährend neuunternommene Versuche in der Richtung. Man weiß auch, daß eine französische FabrikEnde der fünfziger Jahre einige hundert Tonnen Soda auf diesem Wege darstellte, dannaber die Sache wieder aufgab. Zum wirklichen Erfolg brachte es also erst Solvay .

Wenn das Schicksal dem großen Erfinder Leblanc die Früchte seines Schaffens unddie Anerkennung seiner Zeitgenossen versagte (s. S. 400), so ist es Ernst Solvay, einemBelgier von Geburt, günstiger gewesen. Als Sohn vermögender Eltern konnte er seinerErfindung, nachdem er die Idee derselben erfaßt hatte, seine ganze Kraft widmen. Leichtist es ihm allerdings auch nicht geworden, denn seine Versuche hatten, bis sich der Erfolgeinstellte, den größten Teil seines Vermögens bereits verschlungen. Dazu kam anderseitsals sehr glücklicher Umstand, daß ihn sein Bruder Alfred auf das beste zu unterstützenvermochte, indem er sich für die finanzielle Leitung der Unternehmungen besonderseignete. Ernst Solvay bemühte sich, als er noch Direktor einer Gasanstalt war, für dasbei der Destillation der Steinkohlen nebenbei erhaltene Ammoniak neue Absatzquellen zufinden. Im Laufe seiner Untersuchungen entdeckte er, unbekannt mit den Arbeiten frühererForscher auf gleichem Gebiete, die grundlegende Reaktion des Ammoniaksodaverfahrens,auf welche er behufs industrieller Verwertung 1861 ein Patent nahm. In der richtigenVoraussicht, daß die Jngenieurwissenschaften in der chemischen Industrie eines Tages einehervorragende Rolle spielen würden, legte Solvay von vornherein ein Hauptgewicht aufNutzbarmachung der Apparatentechnik für seinen Sodaprozeß. Die zahlreichen von ihmgenommenen Patente zeigen klar, daß Solvay selbst alle Einzelheiten des nach ihm be-nannten Verfahrens geschaffen hat. Erst Solvay hat das Problem gelöst, an dem sichalle seine Vorgänger vergeblich abgemüht hatten.