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Siebenter Band. Die Industrien der Steine und Erden. Chemische Industrie.
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Ammomaksodafabrikation- 421

ist, läßt man es, bevor es in die Lauge tritt, einen Kühler passieren, in dem es dengrößten Teil seines Wassers absetzt und seine Wärme abgibt.

Zum Sättigen eines Absorbers mit Kohlensäure braucht man durchschnittlich 12 bis20 Stunden, und das Austreiben des Ammoniaks aus den Mutterlaugen, um es wieder-zugewinnen, pflegt 10 —16 Stunden zu erfordern. Man rechnet jetzt, daß auf 100 üZfertiggestellte Soda ^ Ammoniak, ja selbst noch weniger verloren geht, was für einegroße Vollkommenheit des Betriebes spricht.

Die durch das Auskochen mit Kalk erhaltenen Laugen stellen also die Endlaugendieser Fabrikation dar, sie entsprechen so zu sagen den Sodarückständen der Leblanc-fabrikation. Während die Wiedergewinnung des Schwefels aus diesen durch Chance gelöstist, ist eine lohnende Verwertung dieser Endlaugen bisher trotz unendlicher darauf ver-wendeter Mühe nicht gelungen.

Sie enthalten im Liter etwa 150 A feste Salze, und zwar ungefähr zur Hälfte Koch-salz, zur Hälfte Chlorcalcium, welches letztere aus dem Chlorammonium beim Kochen mitdem Ätzkalk sich gebildet hat, wie wir aus der Gleichung ersahen.

Zur Zeit läßt man diese Endlaugen fortlaufen, und damit geht all das Chlor, welchesals Kochsalz in die Fabrik eintritt, unausgenutzt wieder aus ihr hinaus, und nur dasNatrium aus dem Kochsalz gelangt als Soda zur Verwertung. Das ist nun der Punkt, demdie Leblancsodaindustrie ihre Existenzmöglichkeit neben der Ammoniaksoda verdankt. Sie istLieferantin für die großen Quantitäten Salzsäure, welche, wie wir oben gesehen haben,heutzutage gebraucht werden, sie liefert den Chlorkalk, das chlorsaure Kali u. s. w., unddiese Gebiete kann ihr das Solvayverfahren nicht streitig machen. So erklärt sich dereingangs erwähnte merkwürdige Umschwung in jener Industrie, daß das, was zu Anfangdes Jahrhunderts ihr Fluch schien, die gasförmige Salzsäure, jetzt zu Ende des Jahr-hunderts ihr wertvollstes Produkt ist. Soda an sich kann man nach Leblanc gar nichtso billig herstellen wie nach Solvay , nur durch ihre Nebenfabrikationen also bleibt dieältere Methode existenzfähig, wenn sie es auch wahrlich nicht leicht hat. Sollte die Auf-gabe gelöst werden, an der Solvay und ungezählte andere sich abmühen, aus den jetztwertlosen Endlaugen, den Chlorcalciumlaugen, das Chlor in den Ammoniaksodafabrikenals solches oder in Form von Salzsäure ebenfalls billig zu gewinnen, dann wäre wohldas Ende der Leblancindustrie gekommen.

Wir wollen nunmehr auch an der Hand von Zahlen ein wenig verfolgen, wie sichdie Verhältnisse fortwährend verschoben haben und verschieben. Es ist sicher ein sehrmerkwürdiges Schauspiel, wie hier von zwei Seiten mit Aufbietung aller Leistungs-fähigkeit des menschlichen Geistes die Verbesserung dieser Verfahren erstrebt wird, diedas gleiche Endprodukt herzustellen bemüht sind.

Die Philosophie macht es sich bequem, die dekretiert: Jede ehrliche Arbeit findetihren Lohn; hier sehen wir, wie eine ehrliche Arbeit einer anderen ebenso ehrlichen denBoden abgräbt, wie das eben immer geht, wenn Besseres an die Stelle des Guten tritt.Und was wir bisher noch gar nicht erwähnten, es gibt sogar einen dritten Konkurrentenauf diesem Gebiete, der, wenn er auch noch in der Wiege liegt, sich vielleicht mit denJahren zum Riesen auswächst, der beide Verfahren besiegt. Diese Konkurrenz besteht inder Möglichkeit, die meisten von Sodafabriken hergestellten Chemikalien auf ganz anderemWege, nämlich mittels Elektrizität, die doch in der neuesten Zeit so billig geworden ist,zu gewinnen. Empedokles , einer der ältesten Philosophen, die ein das Ganze umfassendesSystem aufgestellt haben, kommt schließlich zur Anschauung, nMr« gU „Alles fließt."Wenn diese Gesamtanschauung hinsichtlich aller Verhältnisse in der Welt auch auf einemUntergebiete zutrifft, so ist es die chemische Industrie. Sie stürmt noch in voller Jugend-kraft vorwärts. Was heute vorzüglich erscheint, ist nach einigen Monaten vielleicht ver-altet, und so gehört ein ungeheurer Fleiß seitens der in ihr Thätigen dazu, um stets auf,der Höhe der Zeit zu bleiben, und so erklären sich die Schwierigkeiten, mit denen vielechemische Fabriken kämpfen.

Im Jahre 1873 hatte die Produktion an Soda in Deutschland 58000 t betragen,1886 war sie auf 140000 t gestiegen. An diesem Wachstum hatte die inzwischen ein-