Band 
Siebenter Band. Die Industrien der Steine und Erden. Chemische Industrie.
Seite
449
JPEG-Download
 

449

Fabrikation des Schießpulvers.

der Hauptstadt des oströmischen Reiches, wohin er auf dem bekannten Handelswege überÄgypten um diese Zeit aus Indien gekommen sein mag, scheint man ähnlich wie in China seine Eigenschaft, die Brennbarkeit von an und für sich verbrennlichen Körpern bedeutendzu erhöhen, ebenfalls herausgefunden zu haben. Die Not der Zeiten ließ wohl dort dieIdee aufkommen, sich dieses Mittels im Kriege zu bedienen. Im Arsenal zu Byzanzhat man mit seiner Hilfe dann das hergestellt, was unter dem Namen griechisches Feuerder Schrecken aller Feinde des oströmischen Reiches für Jahrhunderte gewesen ist.

Mit Hilfe der uralten Katapulten und Ballisten warf man brennende, mit grie-chischem Feuer gefüllte Töpfe bald auf die Feinde persönlich, bald auf die feindlichenSchiffe. Der Inhalt der Töpfe mag ein Gemisch von Salpeter mit Pech und vielleichtauch schon Schwefel gewesen sein. Er brannte derartig heftig, daß es kein Mittel gab,das Feuer zu löschen, bevor der Inhalt der Gefäße völlig ausgebrannt war. Die Per-sönlich von ihm betroffenen Krieger mit ihren furchtbaren Brandwunden müssen auf ihreUmgebung einen erschreckenden Eindruck gemacht haben, und von ihm betroffene Schiffewerden nur selten dem Schicksal des Aufbrennens entgangen sein.

Dieser Vorläufer des eigentlichen Schießpulvers erweist sich sogleich als von größtemEinfluß auf die Weltgeschichte. Mit seiner Hilfe erwehrten sich die Byzantiner der An-griffe der arabischen Flotten und später der vom Norden andringenden barbarischenVölker, so daß hier im Osten Europas eine Art von Fortentwickelung der auf das klassischeAltertum fußenden Kultur möglich blieb.

Im äußersten Westen Europas hingegen, wo bei Gibraltar ein leichter Übergangvon Afrika her gegeben ist, vermochten die dort wohnenden Europäer, nachdem die Araberauf ihren Eroberungszügen bis zu den Säulen des Herkules gekommen waren und sie zuüberschreiten unternahmen, sich ihrer nicht zu erwehren. Hier brachen sie in Europa einund blieben für sieben Jahrhunderte Herren in einem großen Teile Spaniens .

Sehr auffällig ist, daß die Byzantiner das Geheimnis ihres griechischen Feuers überviele Jahrhunderte zu bewahren wußten. Zwar thaten sie das Möglichste zu seinemSchutze, ja sie behaupteten geradezu, ein Engel des Herrn habe einen ihrer Kaiser dieseskostbare Verteidigungsmittel herzustellen gelehrt; trotzdem bleibt es aber wunderbar, daßsie es so lange zu bewahren vermochten. Denn welche Mühe werden sich all die Feinde,die seine furchtbare Wirkung zu spüren bekamen, gegeben haben, um hinter das Geheimniszu kommen, und zu diesen Feinden gehörten die Araber, unter denen dazu noch zu jenerZeit die größten und tüchtigsten Alchemisten lebten.

Die erste schriftliche Aufzeichnung über Salpetermischungen mit der Bemerkung, daßsie auffallend brennbar sind, finden wir in einem Buche eines Griechen, Namens Marcus,gewöhnlich Marcus Gräcus genannt, von dem das Original verloren gegangen und nureine lateinische Übersetzung vorhanden ist. Dieses für die Geschichte der Schießpulver-fabrikation so wichtige Buch führt den Titel „Illbsr 1§nium aä oombursnäog llostss",Buch von den Feuern, mit denen man die Feinde verbrennen kann. Je nach der Zeitnun, in welche man seine Abfassung verlegt, wird man das allgemeine Bekanntwerdenvon Mischungen nach Art des griechischen Feuers setzen müssen, und meist wird als dieZeit seiner Abfassung das 13. Jahrhundert angenommen. In ihm findet sich auch eineVorschrift zur Herstellung von „iZnis voians", von fliegendem Feuer. Zu seiner Be-reitung solle man ein Pfund recht reinen Schwefel, zwei Pfund verkohltes Linden- oderWeidenholz und sechs Pfund dreifach gereinigten Salpeter in einem Mörser aus Marmorgut verreiben. Gebe man dieses Gemisch in eine Hülse aus Papier, so werde sie nachdem Anzünden unter lebhaftem Geräusch davonfliegen; hier haben wir also die Be-schreibung oder eine Vorschrift für unsere heutigen Steigraketen. Von diesem Pulver-gemisch wissen auch die Schriften des Albertus Magnus und des Roger Bacon , welch letzterererzählt, daß man es vielerwärts in Pergamenthülsen thue und zu Spielereien benutze.

Wir sehen, immer ist nur von der Brennbarkeit des Gemisches die Rede, eine Aus-nutzung seiner Explosivkraft findet nicht statt. Wie es scheint, haben die Chinesen auchdiese zuerst zu verwenden verstanden, denn im Jahre 1259 wird von ihnen „die Lanzedes ungestümen Feuers" in folgender Art beschrieben. In ein Bambusrohr wird einBuch der Erfind. VII. 57