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Das Schießpulver. Die neuen Explosivstoffe.
der vor einigen Jahren aufgetauchte Vorschlag, an Stelle von Bleigeschossen solche ausWolfram zu verwenden. Das Wolfram-Metall ist aber verhältnismäßig selten und, wasviel störender ist, sehr schwer darstellbar. Außerordentlich brauchbar für den Zweck wärees, weil es spezifisch fast noch einmal so schwer als Blei ist, eine gleichgroße Kugel alsodas Doppelte wiegen würde.
Das im Januar 1897 den italienischen Truppen nach Afrika in Rücksicht auf diedamals für wahrscheinlich angesehenen Angriffe der Derwische mitgegebene Magazingewehrhat ein Kaliber von 6,s inw. Infolge seines beweglichen Verschlusses kann es 24 Schüssein der Minute abgeben. Die Durchschlagskraft des Geschosses macht die gewöhnlichenDeckungen unwirksam, denn auf 400 na durchdringt es eine Ziegelmauer von fast 1 inDicke. Schlagen mehrere Geschosse an benachbarten Punkten in die Mauer, so öffnensie eine namhafte kleine Bresche. Das Geschoß besteht aus Hartblei, die Ladung beträgt24 x Ballistit (siehe weiterhin).
Als vor einigen Jahren beim Vordringen der Engländer in der Richtung nachChartnm die Derwische zum erstenmal modernem Schnellfeuer der Infanterie gegenüber-standen und ihm weichen mußten, berichtete bekanntlich ihr Anführer in einem Briefe anden Mahdi: „Ihr Feuer geht wie Wasser", welchen Eindruck mag da ein noch rascheresFeuern, wie es die neueren Mehrlader wiederum erlauben, auf die Söhne der Wüste machen.
Die lebendige Kraft, welche einem Geschosse erteilt werden kann, von der natürlichdie Flugweite abhängt, setzt sich aus zwei Faktoren zusammen, aus dem Gewichte seinerMasse und dem Quadrate seiner Geschwindigkeit. Soll also mit einer leichteren Kugeldie gleiche Leistungsfähigkeit erzielt werden wie mit einer schwereren, so bleibt nur derAusweg übrig, die Anfangsgeschwindigkeit, mit welcher sie das Rohr verläßt, zu erhöhenund in entsprechendem Maße zu vergrößern, d. h. also im quadratischen Verhältnis zurAbnahme des Gewichts, ein Geschoß von halbem Gewicht muß also mit der vierfachenGeschwindigkeit (zwei im Quadrat) ausgestattet werden, um die gleiche lebendige Kraftzu haben.
Die aus den hier angeführten Gründen notwendige Vermehrung der Treibkraftdieser kleinen Geschosse ist mit dem alten Schießpulver nun überhaupt nicht zu erzielen,dazu gehören Explosivkörper von einer Stärke, welche die dieses altbewährten Mittels beiweitem überragen, und dies war die Ursache, daß die Staaten mit der Einführung deskleinkalibrigen Gewehrs auch zur Einführung neuer Explosivstoffe schreiten mußten.
Mit dem alten Pulver haben diese neuen Explosivstoffe eigentlich nur das gemein,daß sie, wie jenes, Explosionskraft besitzen, ja sie haben nicht einmal Pulverform. Nunüber diesen Begriff hatte man sich beim Mammutpulver schon weggesetzt, doch hat mansie im Anklang an ihren Vorgänger mit dem Namen „Rauchlose" oder „RauchschwachePulver" belegt, weil sie keinen „Pulverdampf" erzeugen, wenn sie explodieren, wofür wirdie Gründe sehr bald kennen lernen werden.
Da alle rauchlosen Pulver aus jenen neueren Sprengmitteln hervorgegangen sind,welche im Bergbau seit Mitte des Jahrhunderts das alte Sprengpulver zu verdrängenangefangen haben, so ist es am richtigsten, jetzt zuerst diese zu betrachten, und dann zuverfolgen, wie man sie allmählich trotz ihrer cyklopenhaften Kraft und in ihrem gefähr-lichen Ungestüm so weit abzuschwächen lernte, daß sie wie das alte Pulver als Treib-mittel in Gewehren dienen können.
Die neueren Sprcngmittel sind alle auf Versuche Schönbeins zurückzuführen, die ihnzur Entdeckung der Schießbaumwolle führten. Schönbein, der Entdecker des Ozons oderaktiven Sauerstoffs, glaubte bekanntlich auch ein Antozon entdeckt zu haben, welche letztereVerbindung sich aber als nichts anderes als Wasserstoffsuperoxyd erwies. Seiner Ideenach sollte in allen sauerstoffhaltigen Körpern der Sauerstoff bald in der einen, bald inder anderen Ozonform stecken. Dieser Anschauung zufolge mußte Schwefelsäure eineVerbindung von schwefliger Säure mit aktivem Sauerstoff, Salpetersäure eine solche vonStickstofftetroxyd mit ihm sein. Nun glaubte Schönbein weiter, was bei der damaligenHerrschaft der dualistischen Theorie (s. S. 310) nicht so unmöglich schien, beim Vermischenvon Salpetersäure und Schwefelsäure müsse der aktive Sauerstoff frei werden. Und der