Band 
Siebenter Band. Die Industrien der Steine und Erden. Chemische Industrie.
Seite
464
JPEG-Download
 

464

Chemische Industrie: Alkalien und Säuren.

Materials in die mit Säure angefüllte Trommel etwas davon in den Zwischenraumzwischen letzteren und den Mantel 0 fällt.

4 ist der über dem Behälter angeordnete Dunstfang (Giftherd), welcher mit der seit-lichen Arbeitsthür L versehen ist, und der behufs Absaugens der Säuredämpfe oben mitdem Exhaustor verbunden ist. 6l ist ein gleichfalls zu letzterem führendes Rohr, welchesin den Deckel l? einmündet und die während des Schleuderns auftretenden Säure-dämpfe abführt.

L ist das Säurezuflußrohr, welches durch die Hähne idlz, mit den drei ver-schiedenen Säurebehältern verbunden ist.

Das Nitrieren findet also in dem Apparate in genau derselben Weise wie in gewöhn-lichen Nitrierapparaten statt. Nach Beendigung des Nitrierprozesfes wird der Hahn idlbehufs Ablassens der überflüssigen Säure geöffnet, die Trommel in Umdrehung versetzt,und so die letzte Säure aus dem Nitriergut ausgeschleudert, welches darauf aus derTrommel herausgenommen und, wie üblich, gewaschen wird.

In der Nitrierzentrifuge können in 10 Stunden etwa 12 Operationen vorgenommenwerden, und da bei jeder 5,s Rohstoff zur Verarbeitung kommen, so beträgt ihretägliche Leistung, wie die Fabrikpraxis ergeben hat, etwa 66 üZ Baumwolle, aus welcher93—112 üZ Schießbaumwolle, je nach dem Stickstoffgehalt (siehe weiterhin), erzieltwerden können.

Wir erwähnten oben, daß der größte Teil der Schießbaumwolle seine Anwendungin nassem Zustande findet. Daß Schießbaumwolle und auch manch anderer moderneExplosivstoff im nassen Zustande explodieren, war eine Entdeckung von allergrößterWichtigkeit, die im Laboratorium Abels, des Beraters der englischen Regierung auf diesemGebiete, gemacht wurde. Nasse Schießbaumwolle ist an und für sich völlig gefahrlos, läßtsich also z. B. in Ziegelform pressen u. s. f. Auf gewöhnliche Art ist sie überhaupt nichtanzuzünden, ja man kann durch ein Stück gepreßter Schießbaumwolle eine Flintenkugelschießen und wird nur die Öffnung bemerken, welche die Kugel in die Masse gerissen hat.Zündet man den nassen Körper an, so brennt er ruhig, fast langsam ab. Legt man da-gegen auf ein Stück Schießbaumwolle eine Schlagröhre und entzündet diese durch eineZündschnur, so ist die Wirkung eine totale, d. h. die Masse explodiert mit gewaltigsterKraftäußerung.

Zum Verständnis dieser Verhältnisse müssen wir jetzt zur chemischen Seite derÜberführung der Baumwolle in Schießbaumwolle übergehen.

Die Baumwolle ist chemisch bezeichnet Cellulose und besteht aus Kohlenstoff, Wasser-stoff und Sauerstoff. Kommt Salpetersäure an sie, so wirken diese beiden Materialienaufeinander so ein, daß sich Wasser bildet, und der Rest des Salpetersäuremoleküls, dasist derjenige Teil derselben, welcher an dieser Wasserbildung nicht beteiligt ist, in dasMolekül der Cellulose an die Stelle desjenigen Teils, den diese zur Wasserbildung her-gegeben hat, eintritt. Daß man in der Praxis zum Nitrieren ein Gemisch von Salpeter-säure und Schwefelsäure anwendet, erfolgt nur aus dem Grunde, weil Schwefelsäurestark wasseranziehend wirkt, wie wir das von S. 385 her wissen. Sie wird also allesWasser schon im Moment seiner Entstehung an sich reißen, welches sonst durch seineBildung während der Nitrierung die Salpetersäure verdünnen und die Nitrierung da-durch weniger vollständig werden lassen würde. Es gelingt so z. B., drei MoleküleSalpetersäure mit einem Molekül Cellulose in Wirksamkeit treten zu lassen, drei Salpeter-säurereste mit ihr zu vereinigen.

0g8,gO, 4- 3 880g -- OslP OMO^ -4 38.0

Cellulose 4- Salpetersäure — Schießbaumwolle 4- Wasser.

Wenn wir uns nun das Molekül der Schießbaumwolle 6g8^0z(80g)g ansehen und esmit dem des Salpeters L80g, dem maßgebenden Bestandteile im alten Schießpulver, ver-gleichen, so sehen wir, daß in dem modernen Sprengmittel an die Stelle des Kaliumsdes Salpeters der Rest der Cellulose getreten ist. Während im alten Pulver Kohle undSchwefel zum Salpeter gemischt wurden, damit der Sauerstoff des letzteren etwas zumVerbrennen Geeignetes vorfindet, wir es im alten Pulver mit einem Gemische zu thun