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Siebenter Band. Die Industrien der Steine und Erden. Chemische Industrie.
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Neue Explosivstoffe: Schießbaumwolle. Knallquecksilber.

hatten, ist die Schießbaumwolle nun kein Gemisch von Substanzen, sondern ein Molekül,das in sich alles zur Explosion Nötige enthält. Hier findet bei einer Entzündung derSauerstoff sogleich im Molekül, zu dem er selbst gehört, den nötigen Kohlenstoff, um ihnzu Kohlensäure, den Wasserstoff, um ihn zu Wasser zu verbrennen, während der Stickstoffbei dem eintretenden Zerfall des Moleküls als solcher gasförmig plötzlich einen großenRaum beansprucht. Kurzum, das alte Pulver brennt ab, das Molekül der Schieß-baumwolle zerfällt dagegen bei seiner Explosion, und so erklärt es sich, daß 1 KZ Pulverin etwa Sekunde abbrennt, während 1 Schießbaumwolle zu seinem Zerfall nurVsoooo Sekunde braucht.

Nasse Schießbaumwolle ist also, wie erwähnt, aus gewöhnliche Art gar nicht zurExplosion zu bringen, ist scheinbar so unbrauchbar wie nasses Pulver. Während letzteresaber, wenn es einmal feucht geworden ist, als wertlos weggeworfen werden muß, liegendie Verhältnisse bei der Schießbaumwolle ganz anders. Erhält sie in ihrem nassenZustande einen im physikalischen Sinne ungeheuer raschen Stoß, so geraten sozusagen dieAtome in ihrem Molekül in Unordnung, und nun zersetzt sie sich momentan, nun explodiertsie, ganz gleich, ob sie naß oder trocken ist. Sie explodiert auf Jnitialzündung, wie mausagt, indem sich jetzt ihr Sauerstoffgehalt ihres Kohlenstoffs und Wasserstoffs bemächtigt.

Solch ungeheuren Stoß kann man nun durch die Explosion gewisser Körper, wiez. B. durch Knallquecksilber erzeugen; versieht man also nasse Schießbaumwollballen miteinem Zünder aus derartigem Stoff, so hat man jetzt ein ganz furchtbares, kriegstechnischbrauchbares Sprengmittel. Mit diesem vor Anbringung des Zünders gänzlich gefahrlosennassen Explosionsstoff füllt man daher zur Zeit die Torpedos und ähnliches.

Weiter ist uns auch leicht verständlich, weshalb die Schießbaumwolle, und dieGründe gelten auch für alle anderen modernen Explosivstoffe, rauchlos explodiert. Sieliefert bei der Explosion ja nur Kohlensäure, ein durchsichtiges Gas, Wasserdampf, derbei der hohen Temperatur gleichfalls gasförmig ist, und Stickstoff, den wir ebenfalls nichtzu sehen vermögen. Das alte Pulver dagegen enthält in seinem Salpeter das MetallKalium (s. S. 436). Dieses geht bei der Explosion in schwefelsaures Kali und ähnlichesüber und ist in feinen sämtlichen Verbindungen ein fester Körper, der in allerfeinsterVerteilung durch die Explosion in die Luft geschleudert infolge seiner Zerstäubung sichdort eine ziemliche Zeit schwebend erhält und als weißgrauer Pulverdampf erscheint.

Bevor wir zur Herstellung des Nitroglycerins übergehen, wollen wir erst diejenigedes jetzt öfters erwähnten Knallquecksilbers besprechen. Es selbst ist derartig ge-fährlich zu handhaben und explodiert so furchtbar, daß es an und für sich als Sprengmittelnicht in Betracht kommen, sondern nur zur Entzündung anderer weniger gefährlich zuhandhabenden Explosivstoffe dienen kann. Wir geben hier seine Darstellung nach der Vor-schrift von Liebig (s. S. 308), ohne auf die dabei sich abspielenden höchst kompliziertenchemischen Vorgänge näher einzugehen.

Quecksilber wird ohne äußere Wärmezufuhr in einem großen Glaskolben in Sal-petersäure vom spezifischen Gewicht 1,i gelöst, so daß die gebildeten roten Dämpfe imGefäße bleiben. Dazu muß der Glaskolben wenigstens 18 mal die Mischung fassen.Nachdem das Metall vollständig verschwunden ist, läßt man die Lösung in ein zweitesGefäß laufen, in dem sich etwa das 6 fache vom Gewichte des Quecksilbers an Weingeistbefindet; hierauf gießt man das Gemisch wieder in den Kolben zurück, in welchem dieAuflösung des Metalls vorgenommen war. Schwenkt man jetzt die Flüssigkeit im Kolbenum, so werden sehr bald die in ihm noch verbliebenen Dämpfe absorbiert sein. Nach5—10 Minuten beginnen Bläschen aufzusteigen, und auf dem Boden des Kolbens scheintsich eine stark lichtbrechende spezifisch schwerere Flüssigkeit abzusondern, deren gleichmäßigeVereinigung mit der übrigen Flüssigkeit man durch gelindes Schütteln bewirkt. Es kommtbald der Zeitpunkt, bei dem sich die Masse durch Ausscheiden von metallischem feinverteiltem Quecksilber schwärzt, und es beginnt eine äußerst stürmische Reaktion, bei derein dichter weißer Dampf nebst Spuren von salpetriger Säure ausgestoßen werden. Jetztmäßigt man die Reaktion durch allmähliches Zufließenlassen einer zweiten gleich großenPortion Weingeist. Alsbald verschwindet die Schwärzung, und es beginnt die Aus-

Buch der Erfind. VII. 59