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Chemische Industrie: Alkalien und Säuren.
Die verdünnte Säure ließ man in den vorbeiströinenden Fluß laufen, dem auf diesemWege täglich 3500—4000 Schwefelsäure einverleibt wurden.
Selbst nach dieser Behandlung war das Nitroglycerin noch nicht ganz säurefrei,und so wurde es in einem dritten Waschhause nochmals mit Sodalösung und zwar so langedurchgearbeitet, bis Lackmuspapier keine saure Reaktion mehr anzeigte. Sodann wurde dasÖl abgelassen und durch ein Filztuch in ein mit Blei ausgeschlagenes Reservoir alsgebrauchsfertige Ware filtriert. Die Ausbeute an Nitroglycerin schwankte jener Zeitbei den Operationen zwischen 475 und 600 üg, blieb also hinter der theoretisch mög-lichen von 775 beträchtlich zurück.
Was die Infusorienerde anbetrifft, so hat sie im rohen Zustande drei zu entfernendeBestandteile, Wasser, organische Substanzen und gröbere Steine. Zur Entfernung derbeiden ersteren wird sie in einem Ofen, welcher vier übereinander liegende Etagen ent-hält, in denen sie allmählich von der oberen nach den unteren vorgeschoben wird, beiRotglut calciniert. Die organischen Substanzen, die man als gefährlich für die Stabilitätdes Nitroglycerins ansieht, werden dabei verbrannt. Hierauf wird sie mit Walzen zer-drückt und gesiebt, womit sie zur Verwendung fertig ist.
Die Mischung der Infusorienerde mit dem Nitroglycerin fand folgender Art statt.Es wurden 25 üx Erde in einem flachen Holzkasten mit 75 Nitroglycerin übergössen,in welchem Arbeiter die Masse mit der bloßen Hand tüchtig durchkneteten. Eine Zeit-lang trugen sie hierbei Guttaperchahandschuhe, doch erwiesen sich diese als überflüssig.In einer halben Stunde sind Öl und Infusorienerde genügend gemischt, woraus mandie Masse zur Sicherheit noch durch ein Sieb rieb, womit das Dynamit fertig war.
Bis die betreffende Fabrik zu der hier mitgeteilten Art der Fabrikation gekommen war,hatte sie folgende Unglücksfälle hinter sich. In der Mitte der sechziger Jahre gegründet,befand sich ursprünglich die ganze Anlage in einem einzigen großen Gebäude. EineExplosion vernichtete aber das Gebäude samt allen in ihm befindlichen Personen. Nachdieser Katastrophe verteilte man die Fabrikation über eine Anzahl von Schuppen. Alsman dann mit der Herstellung von Dynamitpatronen begann, veranlaßte die Unvor-sichtigkeit eines Arbeiters hierbei eine Explosion in einer der hierfür bestimmten Ab-teilungen, doch ging nur diese allein in die Luft. Um aber nicht wieder alle Patronen-arbeiter gleichzeitig in Gefahr zu bringen, verteilte man jetzt deren Darstellung auf neunSchuppen, in denen je zwei Mann arbeiteten. Da entstand noch eine, bis zur Zeit derBeschreibung, die letzte Explosion aus folgender Ursache. Die Bleirinne, welche dasgewaschene Öl vom zweiten nach dem dritten Schuppen führte, war leck geworden, undeine beträchtliche Menge Öl war in den die Schuppen trennenden Erdwall gesickert. Esgelangte auch zu den Röhren der Warmwasserheizung, welche drei Schuppen heizte, undals sich am Ausgange dieser erwärmten Röhren bedenkliche rote Dämpfe, die Zersetzungs-produkte des Nitroglycerins, zu zeigen begannen, suchte man sie sofort zu entfernen. Einunvorsichtiger Schlag auf eine der mit Öl überzogenen Röhren veranlaßte aber eineExplosion, der Damm flog in die Luft und 500 üg Öl im benachbarten Schuppenexplodierten ebenfalls. Aus dieser Katastrophe entstanden so bedeutende Betriebsstockungen,zumal der leitende Chemiker mit verschwunden war, daß man den Plan faßte und aus-führte, noch eine Reservefabrik anzulegen, die hinter einem nahen Hügel in kleineremMaßstabe, aber ganz nach den Grundsätzen der größeren Fabrik aufgebaut wurde, umbei einem etwaigen Unfall der einen Fabrik die andere zum Betriebe heranziehen zu können.
Wir haben die von Capitaine gegebene Beschreibung der Nitroglycerinfabrikationdeshalb ausführlich wiedergegeben, weil sie ein so anschauliches Bild von ihr gibt.Zugleich sieht man, wie gering die Ansprüche an völlige Ausnutzung der Materialiendamals noch waren, indem das Ganze nach heutigen Anschauungen doch ziemlich rohgehandhabt wurde. Wir werden jetzt aber auch im Anschluß an diese Fabrikationsweiseleicht die neuesten Verbesserungen in der Fabrikation, wie sie Ballabene 1888 mitgeteilthat, verstehen.
Zur Herstellung des Nitroglycerins dienen in den neueren Fabriken große Blei-gefäße von 1 rn Durchmesser und 1 m Höhe. Sie reichen für die Verarbeitung einer