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Siebenter Band. Die Industrien der Steine und Erden. Chemische Industrie.
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Die neuen Explosivstoffe: Sprenggelatine. Rauchlose Pulver. 471

Über die rauchlosen Pulver, zu denen wir jetzt kommen, sind wir zumeist durchMitteilungen Guttmanns aus dem Jahre 1894 unterrichtet. Die große Zahl derselben,die jetzt alljährlich erfunden und patentiert wird, läßt nur den in dieser Industrie Thätigenbeurteilen, was von diesen Vorschlägen brauchbar ist. Die meisten dieser Patente sindnatürlich nicht die Gebühren wert, die für sie erlegt werden.

Die rauchlosen oder im deutschen Heere rauchschwach genannten Pulver erregtenzuerst 1888 die Aufmerksamkeit des großen Publikums, als in den Zeitungen berichtetwurde, daß die französische Armee ein solches eingeführt hätte, zumal als ihr hierin nachkurzer Frist die deutsche Heeresverwaltung folgte.

Wie das anfänglich verwendete französische rauchlose Pulver zusammengesetzt gewesenist, ist nicht bekannt geworden, aber auch in Frankreich scheint man sehr bald zu jenerGattung von ihnen übergegangen zu sein, die auf der Benutzung der Sprenggelatineberuhen, auf welchem Wege sie heute fast alle hergestellt werden.

Das erste ziemlich rauchlose Pulver ist das Schultze-Pulver gewesen, das seit densechziger Jahren als Jagdpulver geringe Verwendung gefunden hat und aus nitriertemHolze mit einer Zumischung von Salpeter bestand. Die ersten wirklich rauchlosen Pulversind aber in England seit 1882 dargestellt worden, kamen jedoch nicht zur Verwendung,weil es damals noch keine für sie genügend zuverlässigen Gewehrläufe und Projektile gab.

Nur auf die guten Erfolge der längere Zeit fortgesetzten Versuche zweier schweize-rischer Fachmänner Rubin und Hebler hin, welche mehr als 10 Jahre hindurch die An-wendung von Kleinkalibergewehren empfahlen, die ein stärkeres als das alte Schießpulvererfordern (siehe oben), schien es eine lohnende Aufgabe zu sein, neue Pulver zu erfinden,welche für den Gebrauch in derlei Waffen geeignet wären. Anderseits erschien noch imJahre 1886 die Idee, gepreßte Schießbaumwolle oder gar Sprenggelatine in Gewehrenverwenden zu wollen, selbst Fachmännern geradezu absurd, und trotzdem haben sich alsogerade auf dieser Grundlage in den seitdem verflossenen wenigen Jahren die meistenrauchlosen Pulver entwickelt.

Man kann die jetzt gebräuchlichen von ihnen in drei Klassen einteilen, erstens solche,in denen nur Schießbaumwolle zur Verwendung kommt, sei es in unlöslicher oderlöslicher Form. Zweitens solche, bei denen Nitroglycerin in Verbindung mit löslicheroder unlöslicher Schießbaumwolle zur Verwendung kommt, und endlich drittens solche, inwelchen Schießbaumwolle zusammen mit einem Nitroderivat eines aromatischen Kohlen-wasserstoffs (siehe weiterhin) enthalten ist.

Wir haben soeben die Ausdrücke lösliche und unlösliche Schießbaumwolle gebraucht,das bedeutet folgendes. In der Gleichung, welche wir als Bildungsgleichung der Schieß-baumwolle auf S. 464 gegeben haben, ist angenommen, daß drei Moleküle Salpetersäuremit der Cellulose in Wirksamkeit treten, das erhaltene Produkt speziell Trinitrocellulosesei. Die Verhältnisse liegen aber nicht ganz so einfach. Es ist vom theoretischen Stand-punkte aus denkbar, auch Mononitro-, Dinitro- u. s. w. Cellulose herzustellen, indem bissechs Nitrogruppen in ihr Molekül eintreten könnten. Je mehr Nitrogruppen, um so kräf-tiger, wie wir jetzt verstehen, der Sprengstoff, aber die Fabrikation im großen erlaubtkaum über drei Gruppen hinauszugehen. Nitriert man jedoch anderseits absichtlich schwach,so erhält man Dinitrocellulose, und diese zeigt wiederum Eigenschaften, die sie für vieleZwecke der Trinitrocellulose überlegen sein lassen. Die Dinitrocellulose zeichnet sichnämlich vor dieser dadurch aus, daß sie in vielen Lösungsmitteln löslich ist. So löst sichschwach nitrierte Baumwolle z. B. in einem Gemisch von Äther und Alkohol, und dieseFlüssigkeit ist das uns allen so wohl bekannte Kollodium, sie löst sich auch in Aceton, dessenGewinnung wir bei der Holzverkohlung kennen lernen, und Essigäther und ähnlichenStoffen. In anderen quillt sie nur auf, indem sie in ihnen ihre Struktur völlig verliert,wie z. B. im Nitroglycerin. Im geschmolzenen Kampfer löst sie sich ebenfalls mitLeichtigkeit, und das entstehende Produkt ist das Celluloid, auf das wir nach Erledigungder Sprengstoffe zurückkommen wollen. Löst man nun z. B. schwach nitrierte Baumwollein Aceton und setzt, sagen wir, dieser Lösung auch noch Kampfer zu, der sich ebenfallslöst, so wird nach dem Verdunsten des Acetons eine mit Kampfer verdünnte, also weniger