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Siebenter Band. Die Industrien der Steine und Erden. Chemische Industrie.
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Chemische Industrie: Alkalien und Säuren.

geschlagenen Wege für ihn nichts zu erreichen sei. Er verfiel endlich darauf, aus denProdukten des lebendigen Organismus selbst das geheimnisvolle Prinzip auszuscheiden,und hielt den Urin für das geeignetste Ausgangsmaterial seiner Unternehmungen. Heutelächeln wir über eine solche Auffassung. Damals aber, wo die Vorgänge des Lebensnoch gar nicht der exakten Forschung unterworfen worden waren, wo phrasenhaftes dunklesWortgeklingel für Kenntnis, Glauben und Meinen für Wissen gehalten und die Gesetzeeher als die Beobachtungen gemacht wurden, damals hatte für einen Dilettanten, wieBrandt war, der Gedanke einen plausiblen Anschein, daß der Mensch die vollkommensteMaschine sei, in der alle Stoffe und alle Kräfte in der höchsten, feinsten Ausbildung an-getroffen werden und wirken. Was von dieser Quintessenz der Schöpfung, von dieser Weltim kleinen, dem Mikrokosmus, ausgeschieden und abgesondert werde, das müsse das aller-feinste, das allerwtrksamste sein, und im Harne könne daher allein der wahre Stein derWeisen gesucht werden.

Nun kurz und gut auf derartige Vorstellungen hin destillierte, digerierte, sublimierteBrandt den Urin auf alle mögliche Weise und quälte und ängstigte ihn mit allen damalsbekannten chemischen Foltern; kein Wunder, daß sich die vorhandenen Verbindungen zer-setzten und neue dafür entstanden. Allein der Stein der Weisen kam trotzdem nicht zuTage. Dafür fand aber unser Alchemist eines Tages im Jahre 1669 in der Vorlageseiner Retorte einen eigentümlichen Körper von ganz merkwürdigen Eigenschaften. DerGeruch war schwach knoblauchartig, das Aussehen wie von hellgelbem halbdurchsichtigemWachs, ebenso die Härte und Konsistenz, der Geschmack scharf und widerlich. Bei gelindemAnwärmen schmolz die Masse, aber selbst bei gewöhnlicher Temperatur schon stieß sie fort-während Dämpfe aus, die im Dunkeln leuchteten. Strich Brandt mit der Hand über denneu gewonnenen Körper, so leuchteten seine Finger, und die eigentümliche Masse selbststrahlte ein blasses, grünweißliches Licht aus. In kochendes Wasser geworfen, machte sie dieaufsteigenden Wasserdämpfe zu magisch strahlenden Wolken; kurz alles, was mit ihr in Be^rührung kam, empfing die Fähigkeit einer selbständigen Lichtentwickelung. Dieses sonderbare,noch an keinem anderen Körper beobachtete Verhalten war die Ursache, daß Brandt für denneu entdeckten Stoff ganz speziell den Namen Phosphor, d. i. Lichtträger, in Anspruchnahm, wie es denn auch, verbunden mit der Eigenschaft der leichten Entzündlichkeit, dieVeranlassung wurde, den Lichtträger zu einem der ganzen Welt interessanten Phänomenzu machen. Der sonderbare Ursprung, sein Geruch und Geschmack, seine Entzündlichkeit,die des Schwefels und aller anderen bekannten Körper weit übersteigend und so groß,daß die Wärme der Hand schon genügte, ihn in Flammen zu setzen, endlich die geheimnis-volle Lichtausstrahlung, das waren alles Eigenschaften, die dem Phosphor einen Platzaußerhalb der übrigen Körper anwiesen, und die von dem scheinbar infernalischen Stoffenoch ganz andere Wirkungen erwarten ließen.

Die ganze gebildete Welt befaßte sich denn auch bald mit der interessanten Neuigkeit.Hatte Brandt nicht den Stein der Weisen gefunden, so war ihm doch mit seiner Ent-deckung eine Goldquelle aufgegangen, denn er hielt die Bereitung des Phosphors geheim,und das Begehren nach ihm war so groß, daß kleine Mengen mehr als mit Gold aus-gewogen wurden. Man zeigte den Phosphor für Geld, und noch im Jahre 1730 kostete dieUnze, das sind 31 § heutigen Gewichts, von ihm in London lOH'z, in Amsterdam sogar16 Dukaten. Es war daher kein Wunder, daß andere das Geheimnis seiner Darstellungsich aneignen wollten, um es im eigenen Nutzen auszubeuten, und es wird erzählt, daßKrafft und Kunckel sich vereinigt hätten, von Brandt das Rezept zu erkaufen.

Kunckel , der berühmteste deutsche Chemiker der damaligen Zeit, war in Holstein um1630 geboren und wie die meisten der früheren Scheidekünstler in seiner Jugend Apothekergewesen. Er hatte sich aber schon zeitig mit der „Chemie in den Metallen", wie er es nennt,beschäftigt, und unter anderem auch ein Werk über die Glasbereitung veröffentlicht. Wennsich auch in seinen Schriften die ganze Unklarheit seiner Zeitgenossen wiederfindet, so hater doch immer praktischere Richtungen in seinen Versuchen eingeschlagen, als die meistender übrigen, welche die Chemie als einen Glückstopf betrachteten, aus dem die Hand zu-fällig den Stein der Weisen ziehen könne.