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Die Stickerei.
während anderseits die Meinung verfochten wird, daß die Plattstichstickerei sich aus derFedcrstickerci entwickelt hat, die schon in ältester Zeit bei den Chinesen geübt wurde undauch jetzt noch bei einzelnen Völkern, namentlich Afrikas, aber auch Europas , in An-wendung steht. Aus einzelnen spärlichen Andeutungen der römischen Schriftsteller wissenwir, daß das Sticken nicht nur von einzelnen Sklaven der reicbcren Häuser, sondern auchschon gewerbsmäßig betrieben wurde, in Ateliers, die nach Norden gelegen sein sollen.
Wir kennen also weder den Zeitpunkt der Erfindung des Stillens und noch wenigerdenNamen desjenigen, der das Sticken ersonnen hat, ja nicht einmal den Namen des Volkes,dem dieser Erfinder angehören könnte, und ebenso wenig Detailliertes wissen wir überdie Weiterentwickelnng dieser Kunst im Mittelalter. So viel nur ist uns aus dieser Zeitbekannt, daß die Mode einzelner Zcitperioden die Anwendung der Stickerei im aus-gedehntesten Maße erforderte und daß in der Ausführung derselben, insbesondere wasstilvolle Musterung und Farbenzusammenstellung betrifft, der höchste Grad von Voll-kommenheit, namentlich in den orientalischen Stickereien, erreicht wurde.
Die Stickerei war eine Lieblings-beschäftigung der Damen an denFürstenhöfen und wurde in großemUmfange in den zahlreichen Klöstern,hier wohl hauptsächlich zur Verzierungder Altartextilien betrieben. Wennman sich aber die außerordentlich rei-chen Gold- und Buntstickereien aufden Kleidern der Renaissance- undRokokozeit ansieht, wird man sofortdarüber klar, daß die Arbeit auch ge-werbsmäßig betrieben werden mußte,da die massenweise Verwendung dieserStickereien die Herstellung aus anderemWege kaum erklärlich erscheinen ließe.
Nicht nur Kleider, sondern diemannigfachsten Gegenstände wurdenmit reicher, prächtiger Stickerei ver-ziert, wie die Bucheinbände aus dem16. Jahrhundert beweisen, die inSärgen einzelner Mitglieder der ein-flußreichen Familie der Schenken vonTautenburg in Frauenpriesnitz beiJena gefunden wurden. Die in Abb.476 dargestellte Decke ist ein Gebet-bucheinband, eine andere war wahrscheinlich der Einband eines Notizbuches. Der Grundist bei beiden, soweit die Farben noch erkennbar sind, dunkelbrauner Atlas, die Stickereiaus Seide, Gold- und Silberdraht und Perlcnschnüren hergestellt.
Das Besticken von Buchdeckeln soll namentlich in England unter Königin Elisabethüblich gewesen sein, die diese Stickerei selbst ausübte.
Im 14. Jahrhundert scheint in England und Burgund der Höhepunkt künstlerischenKönnens in dieser Richtung eingetreten zu sein; von da an beginnt ein erst langsam,dann rapid fortschreitender Verfall der Stickerei, welcher noch bis in die Mitte des19. Jahrhunderts anhält und namentlich in der Kreuzstichstickerei den Höhepunkt orna-mentaler Geschmacklosigkeit erreicht.
Von den beiden bisher erwähnten Sticharten ist der Plattstich unstreitig der ver-wendungsfühigere und der zur sogenannten Nadelmalerci allein geeignete, da er beliebiglange Linien zu bilden gestattet, die sich den Linien selbst einer komplizierten ornamentalenoder figuralen Zeichnung leicht und weich anzuschmiegen vermögen, was bei der nurPunkte bildenden Kreuzstichstickerci ohne Härte und Steifheit nicht zu erreichen ist, wes-
475. Linnenstickerrr aus einem Grabe zu Saqnara.(Etwa eooo Jahre alt.)