476
Die Stickerei.
nur Schatzmaschine genannt wird; dieselbe wurde aber sehr bald twn der weitausleistungsfähigeren Maschine von Bonnaz aus dem Felve geschlagen. Diese, auch oftCoruely-Maschine, genannt, weil das Patent au diesen abgetreten und die Maschine vonCorncli) mehrfach verbessert wurde, kam Ende der 60 er Jahre sowohl in der Schweiz als auch im Vogtlandc zur Einführung. Zu derselben Zeit wurde eine dritte Kcttenstich-Stickmaschine von dem Besitzer der Maschinenfabrik in Kappcl bei Chemnitz , A. Voigt,erfunden, die der Bonnazschen Maschine speziell im Vogtlande bedeutende Konkurrenzmachte und in den meisten Stickerhäuschcn dieses Gebietes znr Einführung kam. DieseMaschinen, einer Nähmaschine gleich, werden sehr häufig auch Tambouriermaschinen genannt.
Daß die fieberhaft arbeitendeStickereiindustric bei diesen Erstlingsmaschincn nicht stehenbleiben werde, war vorauszusehen. Die an denselben wahrgenommenen Mängel führtenteils zu Vervollkommnungen und Ergänzungen, teils zu Maschinen anderen Systems.Während die ersten Maschinen stets nur 2 Nadelreihen hatten, wurden 3—6reihige ver-wendet, später auf die 2reihige wieder zurückgegangen.
1862 kommt der sogenannte Festonicr- oder Bogapparat in der Schweiz , 1866 imVogtlande, 1868 der Bohrapparat im ersteren, 1874 im letztgenannten Gebiete znr Ver-wendung. Bis 1865 wurde die Maschine nur durch die Hand des Stickers bewegt; indem genannten Jahre beginnt die Verwendung der Dampf- und Wasserkraft zum Betriebeiner größeren Anzahl von Stickmaschinen in der Fabrik des Herrn Rittmcyer beiBruggen . Im Jahre 1867 arbeiten die ersten Schisschen-Stickmaschincn in derFabrik der Firma I. I. Nieter L Co. bei Winterthnr, die nach einem ganz anderenSysteme gebaut sind als die Hcilmannschcn. Die eigentliche Erfindung dieser Maschinend. h. die Herstellung der ersten Konstruktionsform dürfte dem StickmaschiuenfabrikantcnA. Voigt in Kappel gebühren, der 1865 ein Patent hierauf nahm. Tiefe Maschinenwurden gleich mechanisch betrieben und fanden 1883 auch im Vogtlandc Eingang. Auchdiese mußten selbstverständlich ihre Kinderkrankheiten durchmachen und erfuhren mannig-fache Verbesserungen, die sich teils auf die Konstruktion, teils auf die Leistungsfähigkeitbeziehen. Auch die Kettenstich-Stickmaschine suchte man durch gleichzeitige Anwendungeiner größeren Nadelzahl leistungsfähiger zu gestalten, ohne jedoch hiermit durchgreifendeErfolge zu erzielen. Den vorläufigen Schluß dieser Bestrebungen bilden diejenigenKonstruktionen, durch welche der bisher ausschließlich durch die Hand des Arbeitersbewegte Stickrahmen resp. der Pantograph mechanisch bewegt, die Maschine daher voll-kommen selbstthätig gemacht werden soll, was meist durch Anwendung der bekanntenJacquard-Vorrichtung, oder einer ähnlichen Konstruktion zu erreichen gesucht wird.
Wie auf jede Revolution, aus jede stoßweise auftretende Entwickelungsepvche, dieimmer den Charakter einer Krise besitzt, stets eine Reaktion, gewissermaßen ein Gegen-stoß erfolgt, so war das auch hier der Fall, und nicht leicht hat eine andere Industriedas „Himmelhoch jauchzend — zum Tode betrübt" schärfer und unvermittelter durch-gemacht, als die Stickereiindustrie der besprochenen Gebiete in den letzten drei Jahrzehnten.
In der Periode des Maschinenfiebcrs wurden natürlich ungeheure Quantitäten vonStickereien produziert, dadurch wurden dieselben bedeutend billiger, und dieser Umstandwirkte selbstverständlich auf den Lohn zurück, der in kurzer Zeit sehr stark fiel. Auf diefetten Monate folgten magere Jahre. Was war da zu thun? Die leibhaftig dastehendenMaschinen konnte man nicht mehr aus der Welt schaffen; es gab daher nur einen Weg,nämlich jeden Sticker zu verpflichten, daß er am Tage nur eine bestimmte Zeit, natürlichweniger als bisher sticke. Das läßt sich wohl in einer Fabrik gut machen; die Arbeiterwerden nach Hanse geschickt, die Dampfmaschine, das Wasserrad bleibt stehen, das Haus-thor wird gesperrt; nun aber soll der Einzelsticker im hintersten Thalwinkel veranlaßtwerden, seine Maschine ruhen zu lassen, da er doch für seine Stickerei etwas, wenn auchwenig erhält. Dies scheint unmöglich, und doch hat es der Zentral-Berband der Stickerei-industrie der Qstschweiz und des Vorarlbergs zuwege gebracht; allerdings bloß für etwa10 Jahre. Der Verband wurde 1885 gegründet und zählte am 1. Januar 1889schon 12 921 Mitglieder mit 21847 Maschinen; er dekretierte sehr weit gehende Be-schränkungen der persönlichen Freiheit, wie man sie in unserem Jahrhundert für un-