Entwickelung der Stickereiindustrie. — Rohmaterialien. 477
möglich gehalten hätte, allerdings mir im allgemeinen Interesse seiner Mitglieder undmit verhältnismäßig günstigem Erfolge. Vor allem wnrde ein Minimallohn festgesetzt;dann mußten sich die im Verbände befindlichen Kaufleute verpflichten, nur den dem Ver-bände angehangen Stillern Arbeit zu geben, diese aber, nur für jene Arbeit zu liefern;schließlich wurde bestimmt, daß nur 11 Stunden im Tage gearbeitet werden dürfe undzwar von 7—12 und von 1 — 7 Uhr. Tann wnrde die Arbeit am Samstag ganzuntersagt. Man denkt unwillkürlich an die drakonischen Jnnungsgesetze des Mittelalters.Um das Anwachsen der Maschinen zu verhindern, wnrde eine ziemlich bedeutende Taxeaus jede neue Maschine gesetzt. Tann wnrde dem Ferggerunwesen gesteuert u. s. w.
Im Jahre 1886 suchte man die Stickereiindustric des Vogtlandes, mit der manohnedies im geschäftlichen Verkehr stand, zu einer gleichen Gründung zu bewegen, und eswurde thatsächlich auch ein sächsischer Verband gegründet, in welchem aber die Kontrolleniemals so stramm zur Ausführung kam.
Es ist hier leider nicht der Raum, um über die Erfolge, Wirkungen und Schicksaledieses interessanten Experimentes eingehender zu berichten, nur so viel sei noch gesagt,daß sich derselbe im Jahre 1894 nahezu vollständig auslöste. Es ist zweifellos, daßer viel Gutes geschaffen hat und daher Wohl ein anderes Los verdient hätte, aberes zeigt auch der ganze Vorgang, daß sich die Menschen nicht mehr so wie im Mittel-alter auf längere Zeit bevormunden lassen, auch dann nicht, wenn diese Bevormundungin ihrem eigenen Interesse zur Ausführung kommt, wobei freilich auch hier der Egoismuseine große Rolle spielt. In der Gegenwart hat sich die Geschäftslage in beiden Spezial-gebieten der Stickereiindustrie geklärt und beruhigt, und die groben, feinen und feinstenStickereien von dem in Kettenstich ziemlich massiv bestickten Vorhang bis zu den feinstenBatisttaschentüchern, den sogenannten MnchoirS, gehen in großen Quantitäten in allezivilisierten Gebiete der Welt, insbesondere auch nach Frankreich . Die schweizerische undsächsische Stickereiindustrie ist eine Export- und Weltindustrie ersten Ranges geworden,möge sie das für immer bleiben, was wohl zu hoffen ist, da zahlreiche, gut geleitete Schulenfür einen künstlerisch und technisch gut geschulten Nachwuchs Sorge tragen.
Die Herstellung der Stickereien.
Entsprechend dem Zwecke des Stillens, nämlich eine Fläche mit Ornamenten zuverzieren, dieselbe durch Buchstaben, Zahlen oder sonstige Zeichen zu kennzeichnen, sind dieRohmaterialien der Stickerei sehr mannigfaltiger Natur, da eben bei jedweder Flächeein Wunsch nach solchen Verzierungen und Zeichen eintreten kann. Die Verwendung derverschiedenen Stoffe ist aber doch wieder insofern eine beschränkte, als nur solche benutztwerden können, die mit einem spitzigen Instrumente, der Nadel, durchstochen werden können.Als Rohmaterialien, auf welchen die Stickerei znr Anwendung kommt, dienen daher haupt-sächlich alle Arten von Geweben und außerdem — wohl viel seltener — auch noch Leder,Papier, Pappe, Kautschuk u. s. w. Das eigentliche Rohmaterial aber, aus welchem dieStickereien gebildet werden, sind Fäden verschiedenster Gattung, verschiedensten Materials,unter welchen auch Federn nicht fehlen. Der Hauptsache nach und für den weitausgrößten Bedarf werden alle diese Rohmaterialien der Stickerei von der Weberei, Spinnereiund Zwirnerei geliefert, und wir haben uns daher hier mit der Gewinnung dieser Roh-materialien nicht zu beschäftigen.
Von den beiden großen Gebieten der Stickerei, nämlich der Handstickerei undMaschinenstickerei, ist die erstere, als die ältere, zuerst und zwar kurz zu besprechen, dawir, zumal der Leserin, auf diesem Gebiete wohl nicht viel Unbekanntes zu bieten vermögen;sie weiß meist wohl besser als wir, daß bei der Handstickerei sehr mannigfaltige Stich-und Arbeitsmethoden znr Anwendung kommen, und daß alle diese Methoden häufig mit-einander kombiniert werden, um immer wieder neue ästhetisch und technisch vollendetereEffekte zu erzielen. Während nun die Buntstickerei zur Verzierung der verschiedenstenGebrauchsgegenstände in allen Sphären der Damenwelt, bei hoch und niedrig geübt wirdund in Gewerbebetrieben nur in sehr mäßigem Umfange zur Ausführung kommt, wirddie Weißstickerei in einzelnen Gebieten des zivilisierten Europa sowohl als Hausindustrie,