Band 
Achter Band. Verarbeitung der Faserstoffe
(Holz-, Papier- und Textilindustrie.)
Seite
584
JPEG-Download
 

584 Die Färberei und Appretur nebst Bleicherei und Zeugdruck.

laufen geneigt wird. — Älter ist die bei der Entdeckung des Pnmnlins erfundene Methodedes Diazotierens und Entwickelns, wobei die Ware ebenfalls zuerst gefärbt, dann ineine kalte Lösung von salpetriger Säure und schließlich in die eines sogenannten Ent-wicklers gebracht wird; durch die salpetrige Säure wird der Farbstoff in der Faser in eineDiazvverbindnng verwandelt, und diese bildet dann fast genau wie bei der technischen Be-reitung der Azofarben, mit gewissen Stoffen, (z. B. Phenol, Resvrcinj Naphtol), welche Ent-wickler genannt werden, neue Farbstoffe, die schwer löslich sind und deshalb beim Waschenkaum noch bluten; in dem kalten Entwickclnngsbade verbindet sich also der diazvtirte Farb-stoff mit dem Entwickler und so entsteht in der Faser ein neuer Farbstoff, waschechter alsder ursprüngliche. Besonders interessant erscheint in dieser Hinsicht gerade das Primnlin,dessen Gelb je nach dem angewendeten Entwickler entweder bestehen bleibt oder in Orange,Rot, Bordeaux , Purpur, Braun umgewandelt wird. Bkit den anderen diesem Tiazotier-Berfahren zugänglichen Farben wird meist Blau, Braun und Schwarz erhalten. — DieseBehandlung mit salpetriger Säure und nachfolgend mit Entwickler» ist auch für die tierischenFasern anwendbar und wird speziell für Seide zur Herstellung waschechter Farben benutzt;z. B. wird ein waschechtes Rot auf Seide durch Färben von Primulingelb, Tiazotieren mitsalpetrigsanrcm Natron und Schwefelsäure und schließliches Entwickeln mit Beta-Naphtolerhalten.

An diese verschiedenen sauren Farbstoffe schließen sich die Eosine und Rhodamine,zusammen auch Phtalein- vder Resvrcin-Farben genannt an, welche zwar keineSnlfosänren, aber doch Körper saurer Natur sind. Die Eosine, l873 von H. Earventdeckt, werden dargestellt aus der durch Oxydation des Naphtalins entstehenden Phtal-säure und dem Ncsorein, einem dem Phenol verwandten Körper, der durch Schmelzen vonBenzoldisnlfosünre mit Natron entsteht. Vor allen anderen künstlichen und noch mehrden natürlichen Textilsarbstvffen sind die Eosine durch die überaus hohe Reinheit ihrerFarbtöne und die eigentümliche Fluorescenz, d. i. die Eigenschaft, im auffallenden Lichtein anderen Farben als im dnrchfallenden zu erscheinen, ausgezeichnet; während sie nämlichim ersteren rot sind, erscheinen sie in letzterem gelblich vder grünlich und schillern demnachin zwei verschiedenen Farben, ähnlich wie manche gewebte Stoffe, bei welchen diese Wirkungdurch verschiedenfarbige Garne hervorgebracht wird. Besonders deutlich zeigt sich dieFluorescenz der Eosine auf der glatten Seide, weniger auf den anderen Fasern mitrauherer Oberfläche. Leider sind diese Farbstoffe überaus vergänglich, und für die meistenAnwendungen sind sie daher durch die roten Azofarbstofsc ersetzt. In der eigentlichenFärberei werden sie nur noch ausnahmsweise — auf Seide und Wolle in schwachsanrenBädern, aus Baumwolle unter Zusatz von Kochsalz oder nach vorausgehendem Beizenmit Türkischrvtöl und Thonerde- oder Bleisalzcn — etwas mehr dagegen im Zengdrnckgebraucht. (Ferner dienen sie auch außerhalb der Textilindustrie znr Bereitung feurigroter Anstrichlacke.) — Den Eosinen nahe verwandt nach Entstehung und Zusammensetzungsind die Rhodamine, welche aus Phtalsänre und Amidophenol (statt des Resorcinsl oderauch aus Flnoresceln und Amidokörpern bereitet werden. An Schönheit sind sie denEosinen mindestens gleichwertig und liefern prachtvolles Rosa und sehr schönes Rot, diean Echtheit die besseren, wenn auch nicht die besten roten Azofarben erreichen. DieRhodamine sind Körper sowohl saurer wie basischer Natur und werden auf Baumwollewie die basischen Farben oder auch ohne Beizen, auf Seide und Wolle in schwach saurenBädern gefärbt. Besonders wertvoll sind sie zum Färben reiner Rosatöne und znm„Schönen" von allen möglichen roten Farben, d. h. um stumpfen roten Färbungen,welche mit anderen Farbstoffen gefärbt werden, durch Überfärben ihr eigenes Leben undFeuer mitzuteilen.

Im Vorstehenden sind kurz die Bereitung und Anwendung der sogenannten Anilin-farben beschrieben, d. h. der mit Anilin und verwandten Verbindungen hergestellten ohneBeize, also direkt färbenden Teerfarben. Zu den Anilinfarben sind jedoch ferner nocheinige bisher nicht besprochene Farben zu rechnen, wie namentlich das Anilinschwarz unddie in der Faser entwickelten Azofarben, welche die Farbenfabriken nicht fertig liefern,sondern welche der Färber aus verschiedenen Rohmaterialien beim Färben selbst erzeugt.