Postwesen im Mittelalter. 7
gehender Wirkung. Andere Kaiser mißbrauchten die Einrichtung in unerhörter Weise.So schickte Konstantin in einem Kriege gegen die Perser ein ganzes Heer mit der Post,auch ließ er durch sie zahlreiche Geistliche zum Besuche der vielen Synoden und Konzilienbefördern. Eine so außerordentliche Inanspruchnahme der Transportmittel legte natürlichden Gemeinden wieder vermehrte Opfer auf, da die vom Staate unterhaltenen Gespanneund Wagen zu so umfangreichen Leistungen völlig unzureichend waren und die notwendigeErgänzung derselben den Gemeinden oblag, welche dafür keinerlei Entschädigung empfingen.Julian verminderte die Lasten der mit Vorspann geplagten Gemeinden von neuem, undTheodosius brachte das römische Postwesen, welches sich ungefähr über 100 Provinzen,bon London bis zur Parthergrenze und von der Donaumündung bis an die Meerengevon Gades erstreckte, auf den eigentlichen Höhepunkt. Das ursprünglich 15 wiegendeFelleisen der Kuriere wuchs nach Einführung der Reitsessel auf 50 k§, eine Kaleschedurfte höchstens mit 100, ein Eilwagen mit 500 und ein gewöhnlicher Postwagen mit750 kA Gepäck beladen werden. Die Aufsicht über die den Stationen vorstehenden Post-halter führten in den einzelnen Provinzen die Prokonsuln oder auch eigens eingesetztePvstinspektoren, und das gewöhnliche Personal bildeten die Schirrmeister, sowie die Stall-und Reitknechte, zu denen sich noch die Posttierärzte und Briefboten gesellten. Die Habsuchtund die Bestechlichkeit der für die Zwecke des Postdienstes eingesetzten Beamten gabenspäter zu allerlei Mißbräuchen, Bedrückungen und Erpressungen Anlaß. Das Postwesenkam dadurch in argen Verruf und wurde von den Bewohnern der Provinzen nur alseine Landplage angesehen. Mit der Auflösung des römischen Reichs und in der jahr-hundertelang andauernden Unsicherheit gingen auch die postalischen Einrichtungen dervormaligen Herren der Alten Welt zu Grunde.
Das Postwesen im Mittelalter. Die Völkerwanderung und die mit ihr herein-brechende Zeit der Umwälzung der Staatengebilde waren nicht geeignet, der Entwickelungund Ausbreitung des Postwesens Vorschub zu leisten. Ihre zerstörenden Wirkungen machtensich vielmehr auch auf dem Gebiete des Verkehrslebens in dem Maße geltend, daß sie bei-nahe jede Spur der ehedem bestandenen desfallsigen Einrichtungen verwischten. Erst nachJahrhunderten, als die Völker sich wieder an feste Wohnsitze gewöhnt hatten, trat dasBedürfnis zur Errichtung von Verkehrsanstalten von neuem hervor. So ließ Karl derEroße, um sich mit den einzelnen Teilen seines weit ausgedehnten Reiches in Verbindungzu setzen, Postkurse einrichten, die von Frankreich nach Spanien, Italien und Deutschland führten. Es fehlt uns jedoch an näheren Nachrichten über diese Postanlagen.
Unter den späteren deutschen Kaisern ist jahrhundertelang behufs Unterhaltung vonStraßen und Schaffung von Verkehrserleichterungsmitteln von Reichswegen so gut wienichts geschehen. Es ist überhaupt eine in der Zerfahrenheit der politischen und gesellschaft-lichen Zustände begründete eigentümliche Erscheinung jener Zeit, daß die Bestrebungenzur Herstellung von Verkehrseinrichtungen nicht, wie im Altertum und besonders in derNeuzeit, vorzugsweise von den Staaten, sondern von einzelnen Körperschaften, Städten,Stiften, Klöstern rc. ausgingen. In erster Reihe waren es die Klöster, damals beinahedie einzigen Stätten geistiger Bildung, welche das Bedürfnis empfanden, sowohl unter-einander als auch mit Rom in Verkehr zu treten und dauernde Beziehungen zu unterhalten.Zur Befriedigung dieses Bedürfnisses bedienten sie sich der Pilger, Mönche oder Kloster-dlener als Boten. Später, als Universitäten entstanden, errichteten diese besondere-ootenanstalten in der Absicht, zwischen den Lehrern der verschiedenen Hochschulen denAustausch von Ideen zu erleichtern und zugleich den Studierenden Gelegenheit zu bieten,Nachrichten in ihre Heimat gelangen zu lassen und in umgekehrter Richtung von ihrenAngehörigen Briefe, Gelder und sonstige Gegenstände zu beziehen. Diese Universitäts-botenanstalten gewannen allmählich eine große Ausdehnung, so daß sie in vielen Fällenbehufs Fortschaffung der ihnen anvertrauten Sachen Pferde und auch wohl Wagen zuverwenden genötigt waren und sich alsdann auch mit der Beförderung von Personen be-faßten. Von diesen Botenanstalten war diejenige der Pariser Universität die bei weitemedeutendste. Die Boten waren kräftige, zuverlässige Leute, die mancherlei Privilegien