Die geschlossene Hauswirtschaft. Die Stadtwirtschast. 403
Das Geld wird weniger zur Vermittelung des Tausches gebraucht wie als Wert-messer, als Mittel der Wertübertraguug bei Abgaben, Bußen und Entschädigungen,endlich zur Wertausbewahrung, zur Schatzbildnng. Dementsprechend behielten alle älterenGeldsorten, selbst die unedlen Metalle lauge die Form von Gebrauchsgegenständeu bei,so daß sie ebensowohl als Geld wie zur unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung verwendetwerden konnten. Es sei hier nur an die spiralig gewundenen Metallreifen erinnert, dieden verschiedensten Völkern als Schmuck wie als Geld dienten. Darlehen kommen zwarbereits vor, sie sind aber Konsumtivkredite, hervorgegangen aus dem gegenseitigen Aus-hilfen beim Mißraten der Ernte, bei Unfällen, welche die Vorräte einer einzelnen Wirt-schaft vernichten. Denn mit der Entwickelung geschlossener Wirtschaftseinheiten hat auchder Anspruch auf Mitgenuß, den wir in älterer Zeit finden, aufgehört; dementsprechendsind die Darlehen auch zumeist unverzinsliche, das verzinsliche Gelddarlehen ist etivasdem Wesen der geschlossenen Hauswirtschaft ebenso Fremdes und Widersprechenves wieder Tausch; wo es vorkommt, führt es rasch zum Verderben des Schuldners, wie dierömische Agrargeschichte zeigt. Denn die geschlossene Hauswirtschaft liefert kein Geld-einkommen, sondern nur Gebrauchsgüter für den Wirt und seine Familie, der somit wohlein Natnraldarlehen zurückerstatten, nicht aber die Zinsen einer Geldschuld erschwingenkann. Das ist auch der innere Grund und die Rechtfertigung des kanonischen Zinsen-verbotes, das man in fälschlicher Anwendung der Begriffe des modernen Wirtschafts-lebens auf verflossene Epochen lange als ungerechtfertigte Übertragung moraltheologischerErwägungen auf das Gebiet des Wirtschaftslebens erklärte.
Die Stadtwirtschast.
Das fortgesetzte Eindringen des Tausches in den Organismus der geschlossenenHauswirtschaft führte allmählich zu ihrer Ersetzung durch eine auf den direkte» Güter-austausch zwischen den verschiedenartigen Produzenten gegründete Wirtschaftsverfassung,die mau als „Stadtwirtschast" bezeichnet, weil sie in den mittelalterlichen Städten derdeutschen und romanischen Länder am reinsten zum Ausdrucke kommt.
Bei der Entstehung der Städte wirkten zwei Ursachen zusammen. Sie gingen her-vor aus den Markierten, in denen sich der primitive Tauschverkehr in den Zeiten dergeschlossenen Hauswirtschaft abspielte, stellten jedoch ursprünglich nichts anderes dar, alsbefestigte Platze, welche in Kriegszeiteu den Bewohnern der Umgebung Schutz gewährten.Zwischen ihren Bewohnern und jenen des umliegenden Landes bestand in Bezug ausihre Beschäftigung anfänglich kaum ein Unterschied. Jene waren Landwirte so gut wiediese, nur daß sie innerhalb der Stadtmauer wohnten und in erster Linie die Ver-pflichtung znm Nachtdienste, zur Verteidigung und zur Instandhaltung der Besestigungs-werke hatten. Das umliegende Land bildete mit der Stadt eine Art militärischen Schutz-verbandes. Seine Bewohner hatten das Recht, sich im Kriegsfalle mit ihrer Habe indie Stadt zu flüchten (Burgrecht) und mußten dafür an der Erhaltung und Verteidigungder Festungswerke teilnehmen. Da aber die Stadt zugleich der Marktort war, verbandsich mit dem Burgrecht auch das Recht des freieu Kaufes und Verkaufes auf dem städti-schen Markte. Der militärische Verband wurde zu einem wirtschaftlichen, das Schutz-gebiet der Stadt zu einem einheitlich organisierten Wirtschaftsgebiete. Mit dem Steigender städtischen Bevölkerung, zu deren Ernährung die Stadtgemarkung nicht mehr aus-reichte, erfuhr die Wirtschaft der Städter eine einseitige Fortbildung in gewerblicherHinsicht. Die Stadt wurde der Sitz der Geiverbe und des Marktes, das umliegendeLand ihr Zufuhr- und Absatzgebiet, das sich in demselben Maße über den ursprünglichenBurgrechtsverband hinaus ausdehnte, als die Bevölkerung der Stadt und die gewerblicheSpezialisierung ihrer Bewohner zunahm. Das ganze Land zerfiel gewissermaßen inkleine, um die einzelnen Städte sich gruppierende Wirtschaftsgebiete, die im südwest-lichen Deutschland durchschnittlich zwei bis zwei einhalb, im mittleren und nordwestlichendrei bis vier, im östlichen fünf bis acht Quadratmeilen umfaßten. Nach außen hin zeigtdie Wirtschaft dieser Gebiete eine ähnliche Geschlossenheit, wie früher die einzelnen Haus-
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