Drittes Kapitel. Gothischer Styl.
335
lüiltnisse zeichnet sielt die Jakobikirche zu Stettin aus, deren Seiten-schiffe als Umgang um den polygonen Chor herumgeführt sind.
Eine hervorragende Stellung nimmt sodann die Marienkirche zuDanzig ein. An ihr entfaltet sieh der Typus westpreussischer Kirchenanlage zu grossartigstcr Wirkung. Im J. 1313 gegründet, wurde sie nach-mals von 14 00 bis 1502 in umfassenderer Weise umgebaut und vollendet.Sie hat drei Langschiffe, die in ganzer IIreite , nur durch das dreischiffigeQuerhaus unterbrochen, bis zum Ostende des Chores fortgehen und dortgeradlinig schliessen. Am ganzen Baue .sind die Strebepfeiler nach Innengezogen und die Zwischenräume durch Kapellen ausgefüllt, so dass sowohlLanghaus als Querflügel sich zu fünf Schiffen erweitern. Nicht blos diesegrossartige Anlage, sondern auch die riesigen Dimensionen, die in Länge,Breite und Höhe glücklich harmoniren, geben dem Inneren einen über-wältigend imposanten Charakter. Das Mittelschiff hat eine Weite von34 Kuss, die innere Länge der ganzen Kirche beträgt 300, des Querschiffes220, die Gesammtlänge mit dem Thurme 300 Fuss. Dabei trägt Alles dasGepräge höchster Einfachheit, die im Einzelnen an Formlosigkeit grenzt.Die mächtigen achteckigen Pfeiler sind ohne lebendigere Gliederung, dieFenster ohne Schmuck und Masswerk in rohester Form mit senkrecht anden Umfassungsbogen stossenden Pfosten. Nur die Gewölbe in ihren un-endlich reichen Variationen von Netzverschlingungen bieten eine uner-schöpflich scheinende Mannichfaltigkeit dar. Das Aeussere, dem selbst dieStrebepfeiler fehlen, imponirt nur durch seine kolossalen Massen, an denenkeinerlei Gliederung oder Verzierung sich bemerklich macht. Nur das Daeli-gesims ist mit einem Zinnenkränze versehen, der den trotzig wehrhaftenEindruck des Gebäudes noch verstärkt. Jedes Schiff hat sein besondresSatteldach. An den Giebeln des Chores und der Querarme erheben sichschlanke Treppenthürmehen, auf dem Hauptdache zwei Dachreiter, so dassausser dem gewaltigen viereckigen Westthurme, der sammt dem übrigenBaukörper wie ein Gebirgskoloss aus der umgebenden Stadt mit ihren Wohn-häusern und Kirchen aufragt, noch zehn feine Thurmspitzen wie ein Masten-wald emporstreben. — Die übrigen Kirchen Danzigs, unter denen dieS. Trinitatis- und die S. Johanniskirche sich auszeichnen, sind inverwandter Weise ebenfalls stattlich aufgeführt, werden aber durch dieenormen Verhältnisse der Marienkirche zurückgedrängt. — Der Dom zuKönigsberg , 1 335 gegründet, schliesst mit seinen achteckigen Pfeilern,reichen Sterngewölben und mehr breiten als hohen Schiffen, von denen dasmittlere, ähnlich wie in S. Stephan zu Wien , die seitlichen um Etwas über-ragt, den westpreussischen Denkmälern im Wesentlichen sich an. Abwei-chend ist jedoch die Anlage zweier Westtlnirme statt eines einzigen.
Schliesslich sind noch einige Backsteinkirchen des Niederrh einszu nennen, unter denen die Stiftskirche zu Calcarbei gleich hohenSchiffen in einfach edler Weise das System charakteristisch ausgeprägtzeigt, während die einfach schöne Stiftskirche zu Cleve, vom J. 1334,mit niedrigen Seitenschiffen, die neben dem Chore einen selbständigenPolygonschluss haben, mehr den rheinischen Kathedralenstyl in Backstein-formen überträgt. So sind auch ihre Pfeiler von runder Grundform, ihreFenster mit Masswerk geschmückt, und an der Facade erheben sich zweiThürme. — S. Algund in Emmerich dagegen, der Spätzeit des
Marienk. zuDanzig.
Andere Kir-chen Danzigs.