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I. Das alte Aegypten.
wir wissen, gehören diesem Laude an. Schon mehrere Jahrtau-sende vor unsrer Zeitrechnung hatte sich hier ein volksthümlichesDasein in bewusster Selbständigkeit ausgebildet. ein geregeltesStaatsleben entwickelt. Das ägyptische Nilland selbst mussteseine Bewohner darauf hingewiesen haben. Unwirthbare Gebirge,öder Sand schliessen es auf beiden Seiten ein; kein Wasserzuüussbildet gen Osten oder Westen eine Strasse für den Völkerver-kehr; nur zu den Völkern des Südens die schwere Strasse durchdas Kataraktenland, nur zu denen des Nordens und Nordostensdie Strasse durch die sumpfigen Niederungen. Aber drinnen imThale der unerschöpfliche Segen der Natur, der durch das Zu-greifen der menschlichen Hand wiederum tausendfach erhöhtwerden konnte und der allerdings — waren hier einmal festeAnsiedelungen gegründet — doppelte Tlnitigkeit nötliig machte,ihn vor dem einen, stets drohenden Feinde, dem leicht beweg-lichen Sande der Wüste, zu schirmen.
Abgeschlossenheit in sich, stolzes Selbstbewusstsein und derDrang zu dessen Betliätigung erscheint von früh an als Grund-zug im Charakter des ägyptischen Volkes. Von früh an begegnenwir dem Bestreben, das Dasein des Einzelnen in festen Denk-mälern dauernd zu machen, von früh an wird auf die mächtigstgrossartige Erscheinung solcher Denkmäler hingearbeitet. Einestreng verständige Sinnesrichtung trägt und unterstützt dies Stre-ben. Eine eiserne Geduld lässt das bis zum letzten Punktedurchführen, was Wille und Verstand beschlossen haben; soriesig die Denkmäler des ägyptischen Volkes gedacht, so tadellos,ihrem Begriffe nach, sind sie vollendet. Die Einzelnen, die Ge-schlechter, die Jahrhunderte und Jahrtausende bleiben sich inder folgerichtigen Durchführung solches Streben» gleich. Dieägvptische Geschichte ist nicht frei von starken inneren Schwan-kungen, und mehl-fach, trotz der abgeschlossenen Lage des Lan-des, sind verheerende Völkerstürme darüber hingegangen; aberder Charakter des Volkes und seiner Denkmäler und der Kunstseiner Denkmäler ist am Ende seiner Geschichte im Wesentlichenderselbe, wie, Jahrtausende vorher, bei den uns bekannten erstenAnfängen, ln fast unveränderter Gestalt stehen diese Werkeden wechselvollen Erscheinungen der übrigen Völker der altenWelt gegenüber, und erst mit der inneren Auflösung des ganzenWeltalters, welches wir das alte nennen, ist auch ihrer stetenErneuung ein Ziel gesteckt. Doch schliesst es diese Unverän-derlichkeit in dem, was das AVesen der ägyptischen Denkmälerund ihre Eigenthümlichkeit im Allgemeinen betrifft, keineswegsaus, dass innerhalb ihres Kreises eine Folge von Entwickelungs-stufen durchzumachen, dass mehr oder weniger bemerkbarenWandlungen Kaum zu geben war.
Dem Bedürfnis, mächtige, dauerbare Denkmäler zu er-richten , kam die Natur des Landes im grössten Reichthuine