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1 (1859) Geschichte der orientalischen und antiken Baukunst / von Franz Kugler
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X. Der Islam etc.

licher Entfaltung dabei schon in früheren Zeiten stattgefundenhaben und ob und welche Wechselwirkungen mit hinduischerArchitektur einerseits,, mit persischer andrerseits erkennbar sind.Die Monumente seit dem sechzehnten Jahrhunderte bezeugenWechselwirkungen beider Art. Zum Persischen zunächst neigtesich der Sinn des herrschenden Geschlechtes; die Grossmogulsnahmen den persischen Titel des Schah an; die Sprache ihresHofes, ihrer Regierung war persisch. So hat auch die Gesammt-fassung der architektonischen Monumente einen, mit der gleich-zeitig persischen Architektur verwandten Charakter: dasselbeKuppelsystem (die Aussenkuppel zumeist in der geschweift bir-nenartigen Form) für Moscheen und Mausoleen, dieselben hoch-ragenden Portalbauten mit den Minarets auf den Seiten, dieselbenPfeiler-Arkaden mit gedrückt geschweiften Spitzbögen; wobeieinstweilen aber noch nicht dargethan werden kann, ob die Ur-sprünge einer derartigen Behandlung der Hauptformen mehr imWesten oder mehr im Osten des Indus zu Hause sind. Danebenist die Aufnahme hinduischer Formen unverkennbar. Sie zeigtsich, den natürlichen Bedingnissen entsprechend, da, wo dasmehr Bedürfnissmässige eintritt, namentlich an den Säulenhallen,die in der Anlage des vorragenden Schattendaches, in dem Con-solenwerk, welches über den Säulen das Gebälk trägt, das lan-desübliche System gern, in inehr oder weniger freier Behandlung,aufnehmen. Indess prägt sich der muhammedamsche Baustyl vonHindostan, trotz derartiger Anklänge, zugleich in eigentliümlichcharaktervoller Weise aus. Er weiss seinen Werken eine gehal-tene Grösse, eine monumentale Würde zu geben, die allerdingswiederum an .gewisse Grundzüge althinduischen Wesens gemahnt,die aber von dem barocken Wirrniss, welchem das letztere schonzeitig anheimfällt, ebenso entfernt bleibt, wie von jener träume-rischen Verflüchtigung, welche mit der Glanzerscheinung derpersischen Monumente verschwistert ist. Es herrscht in der Con-ception dieser Bauten das Gesetz einer gediegneren Massemvirkung;es macht sich das monumentale Material entschiedner geltend.Die Masse ist nicht mehr lediglich die Grundlage für eine spie-lende Incrustation; der feste bauliche Stoff, und zwar ein mög-lichst edler, tritt wiederum mehr in seine Rechte, und die freilichauch hier vorhandene Rücksicht auf dekorative Wirkung äussertsich in einer mehr ermässigten Weise. Weisser Marmor undfarbiges Gestein, zumeist rother Granit, eins oder das Andreüberwiegend oder beide (was zumeist der Fall) in rhythmischerAnordnung wechselnd, bringen für das Aeussere ein einfacheres,in sich mehr beruhigtes Verhältniss der Farbentöne hervor. Der-selbe Sinn macht sich auch da geltend, avo es auf A'orzüglichstreiche dekorative Prachtentivickelung ankommt. Der Stolz jenermächtigen Herrscher verlangte auch im blossen Schmuck dasvöllig Gediegene und Aechte; und wenn die Verse an den Wän-