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XIX. Die Architektur des gotliischen Styles.
nun allerdings, und schon in ihren früheren Epochen, eine Reihevon Meistern namhaft, nach deren Plänen und unter deren Lei-tung Werke von ausgezeichneter Bedeutung ausgeführt sind. Wirsehen, dass dies und jenes Besondre der individuellen Eigen-thümlichkeit dieser einzelnen Meister angehört und dass sie da-mit kräftig und bedeutend in den allgemeinen Entwickelungs-gang eingriffen. Wir sehen im Einzelnen sogar (es möge an Er-win’s Fa5adenbau des Strassburger Münsters erinnert werden)Architekturen, in denen sich auf dem Grunde der überkommenenbaulichen Motive eine Wirkung entfaltet, deren sprechende Ei-gentümlichkeit das unbedingte Gepräge des Individualcharaktershat. Doch sind diese letzteren Fälle sehr selten, und das Per-sönliche tritt, im Grossen und Ganzen betrachtet, immer nochsehr entschieden hinter den generellen Charakter des Styles undseiner Eigenschaft als eines Produktes der allgemeinen Zeitstim-mung, als deren Beauftragter gewissermaassen der einzelne Meisternur handelt, zurück. Und dies eben um so mehr, als jene bisin die letzten Punkte hinausdrängende Gliederung des Systems,wie dieselbe sich Schritt von Schritt entfaltete, das individuelleErmessen überall in engen Grenzen halten, als die zünftischeGliederung des Betriebes in demselben Grade der freieren Be-wegung des Individuums entgegenstehen musste. In der Thatbekunden es auch diejenigen Werke selbst, welche eine umfas-sendere, länger fortgesetzte Thätigkeit in Anspruch nahmen, dassdies die wirkliche Auffassung der Zeit war. Fast nirgend wirdder Plan, wie er aus der Hand des ersten Meisters hervorge-gangen war, als ein abgeschlossenes Kunstwerk, das seine Ge-setze in sich hat, betrachtet. Er gilt jedem nachfolgenden Ge-schlechte nur als ein, gewissermaassen von der Natur Gegebenes,dessen Weiterbildung ihm obliegt, dem es nach seinem Entwicke-lungsstandpunkte das weiter Erforderliche hinzufügt, an dessenVollendung es sich in stets wechselnder Behandlungsweise he-thätigt. Nur wo das System von Hause aus keine durchgreifendfeste Basis oder wo es dieselbe bereits verloren hat, macht sichein breiteres Hervortreten der künstlerischen Individualität gel-tend. So überall in den Schlussepochen desselben; so vornehm-lich in der italienischen Gotliik, die, ein halb fremdartiges Ge-wächs, von zum Theil ausgezeichneten Meistern als ein geradehinfreier Stoff künstlerischer Bildung behandelt wird.
Die Wandlungen des Systems.
Das Gesetz des gothischen Systems, mit seiner geistigen undseiner structiven Tendenz, mit seinen Vorzügen und seinen Män-geln, musste bei der umfassenderen Ausbreitung mannigfaltiger