§• 203 .
Altarbilder. Historische Compositionen.
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sitzen und stehen die Heiligen in ungebundener Weise zu-sammen und unterhalten sich einer mit andern. Der Thronder Madonna, welcher bei den Vivarini und Bellini immernoch die Heiligen trennte, ist hier seitswärts angebracht,oder mitsammt der architektonischen Einfassung gänzlichverschwunden; oben in lichten Goldwolken schwebt danndie Mutter Gottes zwischen lebenslustigen Genien, währendunten die Conversation sich zu ungehemmten Gruppenordnet. In solchen Bildern verschwindet natürlich dereigentlich erbauliche Zweck fast ganz und man sieht inihnen insgemein nur eine Gesellschaft schöner und kräftigerMenschen, die manchmal ein andres als das religiöse Interessezu verbinden scheint. Ein vorzügliches Altarblatt aus Tizi- n.ans späterer Zeit, in der vaticanischen Galerie, kann alsTypus dieser Gattung gelten; dem begeistert empor schau-enden S. Nicolaus im bischöflichen Prachtgewande sehenS. Petrus und die reizende Catharina über die Schulter in’sBuch; weiter rückwärts S. Franz und S. Anton von Paduain Ekstase; links S. Sebastian, eine Gestalt, welche fast inall diesen Bildern wiederkehrt und für welche man Tizian nicht verantwortlich machen darf; sonst bliebe es wohl un-begreiflich, dass die andächtigen Heiligen ihn nicht vorAllem seiner Bande entledigt und seine Wunden verbundenhaben sollten. Oben in den Wolken zwischen Engeln dieMadonna, welche in heiterm Humor das liebliche Kind einenKranz herunterwerfen lässt. — Treffliche Bilder der Artfindet man u. a. auch in München , namentlich in der Leuch- 18.tenberg*sehen Galerie. — Die lebensgrosse Gestalt Johan-nes des Täufers, in der Akademie zu Venedig ist bei aller 19.Schönheit doch im Charakter nicht ganz entschieden genugund scheint weniger von hoher Ahnung als von sanftemSchmerz erfasst. — Der grosse h. Hieronymus in einergrandiosen, waldigen Felsgegend (das beste Exemplar im 20.Louvre) ist eine ergreifende Darstellung gewaltiger Busseund sicher eines von denjenigen Motiven, wodurch Ti zian am meisten auf die Maler des XVII. Jahrhunderts ein-