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Wittenbergs Denkmäler der Bildnerei, Baukunst und Malerei / herausgegeben von Johann Gottfried Schadow
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16
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antrug, die er mit Genehmigung des Kurfürsten annahm. Zwar lehnte er zuerst diesen Antragab;ich bin, sagte er, für mich selbst über die göttliche Lehre noch in zu großer Ungewißheit,als daß ich wagen sollte, fie an Gottes Statt andern vorzutragen, und bin ein schwier undkranker Bruder, der nicht lange zu leben hat; darum seht Euch nach tauglichem und gesündernum." Allein Staupitz ließ nicht nach: Und wenn es Dich, sagte er, das Leben kosten sollte!Unser Herr Gott hat große Geschäfte und bedarf darum auch kluge Leute." Luther gewannbald diefen Beruf lieb, hier konnte er das Wort Gottes lauter und rein verkündigen und denscholastischen Schulstaub von den Füßen schütteln.Ich halte den Brauch, sagt er, wenn ichauf die Kanzel komme, so sehe ich mich um, welche Leute da sitzen, und weil die meisten einfäl-tige Leute sind, so predige ich ihnen, was ich denke, daß sie verstehen können. Die Andern flie-gen allzuhoch: daher schicken sich ihre Predigten zwar für Gelehrte; aber unsere einfältigen Leutekönnen sie nicht verstehen. Mit diesen gehe ich um, wie eine herzliche Mutter mit ihrem wei-nenden Kinde, dem sie die Brust, so gut sie kann, darreicht, und es mit ihrer Milch tränket,welche ihm besser schmeckt und bekommt, als wenn sie ihm den köstlichsten Saft von Rosen undanderm Syrup aus der Apotheke reicht." Eine andere seiner Regeln war diese:Wenn dieLeute mit großem Ernst und Lust eurer Predigt zuhören, so schließet bald; zum nächsten kommensie desto lieber wieder." Auch vor feinen Zuhörern in der Universität hielt er schon 1.509Vortrage über dir heilige Schrift.

Wenn wtt oisycr ,cl)on ruryern auf mannichfache Weise für sein künftiges Auftreten alsReformator der Kirche unter mancher günstigen Wirkung von außen, und mancher innern glück-lichen Anregung finden, so sollte er doch jetzt noch eine große Erfahrung machen, die von ent-scheidendem Einfluß war; er sollte Rom sehen- Die Augustiner Barfüßer wünschten vondem Papste eine Erlaubniß zu erhalten, daß ihnen gegen ihr Gelübde nachgesehen werden möchte,bei höchster Leibesschwachheit" Fleisch essen zu dürfen. Es waren ihm io Dukaten in die Ta-sche gesteckt worden, mit denen er sich geneigten Bescheid in Rom schaffen sollte. Da er alswandernder Bruder überall in den Klöstern einsprach, lernte er die von ihm längst schon bejam-merte Klosterzucht noch besser kennen, und zwar fand er, je-naher er der Stadt des Heils kam,die Sitten der Klöster nur um so verderbter. Er besuchte Mailand , Padua , Florenz , und da erin einem Kloster an den Appcninen die lateinischen Mönche mit deutscher Strenge schalt, war'er beinahe ermordet worden, wenn er sich nicht durch eine eilige Flucht gerettet. Mit tiefemZorne sah er, wie der Schweiß des deutschen Fleißes in den welschen Klöstern verpraßt wurde;denn er mußte hören, daß hier ein einziges Kloster in der jährlichen Rechnnngsablegung 12000.Dukaten für Gastereien, 12000 für Gebäude und 12000 für den Convent ansetzen durfte. Nochwankte sein Glaube an Rom nicht, mit frommer Scheu trat er in die welthcrrfchende Stadt.Da ichs erst sahe, erzählt er, fiel ich auf die Erde; hub meine Hände auf und rief: Sey gr-grüßet, du heilige Roma'. Ich habe auch wohl zehu Messen zu Rom gehalten und war mirdazumal schier leid, daß mein Vater und Mutter noch lebten; denn ich hatte sie gern aus dem