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selben. Gegen seine 95 Satze hatte Johann Eck , Doctor der Theologie und Prokanzler der Uni-versität Jngolstadt, ein heftiges Buch geschrieben. Luther beantwortete es ungesäumt und schicktesein Buch unter dem 3y. März isis an Leo X. , mit einem Schreiben, aus dem wir Folgendesaushebert „Ich habe mich deshalb schon an etliche Potentaten gewandt, und sie gebeten, demUnfug zu steuern, aber kein Gehör gefunden. Darum habe ich mich, um Christi Willen, überdiese Greuel ereifert, und die Noth hat mich gezwungen, mich der Sache anzunehmen. — Wassoll ich nun thun, heiliger Vater? Widerrufen kann und will ich nicht, und sehe doch, daß ich nurgroßen Neid und Haß durch meine Disputation erweckt habe. — Damit ich aber meine Wider-sacher zum Theil versöhne, und Vieler Verlangen erfülle, siehe, heiligster Vater, so gebe ich anden Tag meine Gedanken vom Ablaß , und übersende sie Dir, auf daß ich unter dem Schirm undSchutz Cw. Heiligkeit, und unter dem Schatten Ihrer Flügel desto sicherer seyn mochte. Auswelcher Erklärung Alle, so sie anders wollen, verstehen werden, wie rein und einfältig ich diegeistliche Gewalt und Obrigkeit, auch der Schlüssel Kraft und Würde, gesucht und geehrt habe,und auch zugleich, wie böslich und falsch mich die Widersacher auf mancherlei Weise berüchti-gcn (in bösen Ruf bringen)."-
Von dem Gespräche mit Miltiz gab Luther ebenfalls dem Papste selbst Nachricht, und Mil-tiz glaubte alle Ursache zu haben, mit dem Briefe, den Luther aufgesetzt hatte, zufrieden seinzn können. .^Was soll ich thun, schreibt Luther darin, heiligster Vater'. Ich weiß gar keinenRath mehr zu dieser Sache. Man fordert von mir, ich soll meine Disputation (die wider denMißbrauch des Ablasses gedruckten Sätze) widerrufen. So mein Widerruf das ausrichtenkönnte, so dadurch gesucht wird (Friede und Eintracht in der Kirche), wollte ich ohne einigenVerzug solchem Befehl Folge thun; das würde aber der Kirche mehr Schaden als Nutzen brin-gen. — Ich'bezeuge vor Gott und allen Kreaturen, daß ich nie Willens gewcst, noch heutigesTages bin, daß ich mir mit Ernst hatte vorgesetzt, der römischen Kirche und Ew. Heiligkeit Ge-walt auf irgend eine Weise anzugreifen, oder mit irgend einer List etwas abzubrechen! Ja, ichbekenne frei, daß di-eser Kirche Gewalt über Alles sey, und ihr nichts, weder im Himmel nochaus Erden, möge vorgezogen werden, denn allein Jesus Christus , der Herr über Alles." —Kaum aber glaubte Luther hiermit seine Gegner beruhigt zu haben, als der IngolstädterDoctor ihn nach Leipzig beschied, «m mit ihm über folgenden Satz zu difputircn r „Roms Kircheist durch uralte göttliche Einrichtung das Oberhaupt aller Kirchen der ganzen Christenheit, undwer in ihrem Heikigthume auf dem nachgelassenen Stuhle Petri sitzt, ist dessen Nachfolger undJesu Christi Statthalter." — Luther disputl'rte mit Eck nenn Tage lang, und während sich die-ser hinter einem Bollwerke von Kirchenvatern und päpstlichen Dekretalen verschanzt hielt, hatteLuther nur die Bibel vor sich liegen, und sein letztes Wort war: daß die Oberherrschaft desPapstes und der Kirche von Rom weder aus heiliger Schrift, noch aus der ältesten Geschichteder christlichen Kirche zu erweisen fti, vielmehr spreche nicht nur die heilige Schrift, sondernauch das Concilium von Nicaa wider sie. Luther zog guten Muthes von Leipzig nach Mitten,berg zurück. Doctor Eck aber suchte sich jetzt Genugthuung in Rom zu schaffen, wo es nichtschwer hielt die Bannbulle zu erhalten, die Luther für vogelfrei erklärte.