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fern Bilde, welches gewiß zu den besten unsres Meisters gehört, erkennt man, daß Cranach zukeiner idealen Schöpfung sich erheben konnte, da strenge Nachahmung der Natur für ihn dashöchste Gesetz war, wodurch bei der Ungleichheit und Willkühr der Gebilde der Natur dieserMangel auch auf die Bilder des Künstlers übertragen wurde.
Die Predigt.
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Die Aufnahme der Christen in die Kirche ward in der Taufe, in der Absolution durch dieBuße und Vergebung der Sünde, die Aufnahme in die selige Gemeinschaft mit dem Erlöservorgestellt, in dem Abendmahl wurde das erste Vorbild des Zusammenseins einer christlichen Ge-meinde gegeben. Die Jünger aber gehen in alle Welt, der Sohn Gottes kehrt heim zu demVater, der Geist allein ist's, der in der Gemeinde gegenwärtig bleibt; sie vernimmt ihn hierdurch den Prediger, der aus dem offenbaren Wort Gottes den gekreuzigten Erlöser prediget. Sowar das schicklichste Bild, womit der Künstler den Kreis der heiligen Handlungen der evangeli-schen Kirche schließen konnte: »Luther auf der Kanzel, der der versammelten Gemeinde dieBedeutung des vor ihnen aufgerichteten Heilandes am Kreuze auslegt." Der Ausdruck in demKopfe des Erlösers zeugt von dem tiefen Gefühl des Meisters, der durch diesen Kopf allein sicheinen bleibenden Namen unter den ersten deutschen Künstlern bewahren würde; es ist der über-wundene Schmerz eines selig Verklärten auf die edelste Weise ausgedrückt, und absichtlich hatuns der Künstler von dem auf dem Marterholz grausam ausgedehnten Körper auf den Sieg unddie Beruhigung, welche er dem Gesicht «ab, anaewiesen. Die Stellung Luthers ist würdig undangemessen, die linke Hand ruht fest auf dem Evangelium, die rechte deutet nach dem Kreuze,der Kopf ist fo gewendet, daß der Beschauer sich von ihm angeredet glaubt, die Züge des Ge-sichts sind nicht ganz mit den lebensgroßen Bildnissen Luther's von Cranach übereinstimmend-Der Kanzel gegenüber sehen wir die christliche Gemeinde, fromme Männer stehend, alles spre-chende Gesichter mit eigenthümlichem und wahrhaftem Ausdrucke, zu ihren Füßen sitzen andäch-tige Frauen, deren Augen aussagen, wie innig ihr Herz an dem Worte des Lehrers hangt. Vornansitzt Luthers Gattin, und in dem kleinen Sohne, den sie vor sich hat, erkennt man die Züge desVaters; auch die andern Frauen scheinen Wktenbcrgerinnen zu sein aus des Künstlers Bekannt-schaft. Wir machen besonders auf das freundliche Köpfchen eines jungen blonden Mädchensaufmerksam, welches Cranach , selbst auf die Gefahr, daß wir an der Andacht des schönen Kin-des zweifeln, aus dem Bilde heraus, gegen den Beschauer blicken laßt. —