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Ein andrer Freund und Hausgenosse Cranachs, Matthias Gunbram, verfaßte die Le-bensnachricht von ihm, welche die Bürgerschaft 1566 in den Thurmknopf legen ließ. FolgendeStelle dieses Aufsatzes verdient hier einen Platz zu finden r
„Als der römisch-deutsche Kaiser Carl V. im 1.1546—4? gegen die Schmalkaldner Bundes-genossen wegen der wahren und unverdorbenen Lehre des Evangeliums, welche diese bekannten,und jener vernichten wollte, Krieg führte; und als die ganze Kriegsmacht mit Ungestümme wi-der den unvergleichlichen und achtbarsten Helden, den Kurfürsten Johann Friedrich , nach Sach sen gerichtet wurde, so ereignete sich der unglückliche Fall, daß der ausgezeichnetste Fürst beiMühlberg im tapfersten Kampfe auf dem Schlachtfelde gefangen wurde, wodurch Lucas und dieganze Stadt Wittenberg in die tiefste Trauer und größte Gefahr versetzt worden ist. Als aberWittcnbcrg belagert, Lucas zum Kaiser in das Lager gerufen, und von ihm gefragt wurde, ober die Ursache dieser Vorladung wissen möge, sprach der Kaiser zu ihm: „Dein Fürst, den ich soeben auf dem SchlaFtfelde gefangen habe, hat mir zu Speier auf dem Reichstage ein herrlichesGemälde geschenkt, welches einige von dir, andere von deinem Sohne gemalt wissen wollen. Dazufällig deiner erwähnt, und angezeigt worden ist, daß du in dieser Stadt noch anwesend setzest,so habe ich, um oastewe richtiger zu erfahren, oich rufen iahen, Nun weißt du die Ursache,warum du vorgeladen bist." Darauf erwiederte Lucas Sr. Kais. Majcst. für die große Gnadeden schuldigen Dank, Gehorsam und Ehrfurcht. Allein sagte der Kaiser, „ich habe zu Mecheln in meinem Zimmer ein kleines Gemälde, auf welchem ich, als ich noch Knabe war, von dir ge-malt wurde. Ich bitte dich, sage mir doch, wie habe ich mich in jenem Alter benommen, wah-rend du mich maltest?" „Eure Majestät, sagte Lucas, waren 8 Jahr alt, als K. MaximilianSie bei vcr Hanv führte, unb die nleoerlanOstchen Städte"vor Ihnen huldigen ließ. Und-da ichSie malen wollte, so waren Sie zwar als Knabe unruhig; jedoch hatten Sie einen Hofmeister,welcher damals versicherte, Ihr Genie zu kennen, und behauptete, Sie erfreuten sich sehr bei demAnblick des Eisens und Stahls. Er befestigte also sogleich einen eisernen Pfeil so in der Wand,daß er die Spitze gegen Ihre Augen richtete. Darauf hefteten Se. Maj. Ihre Blicke ganz starr,bis ich mit meinem Gemälde fertig war." Der Kaiser gab über diese Erzählung eine großeFreude zu erkennen, und erklärte, daß er gegen Lucas noch gnädig sein wolle. Lucas aber durchdie Gnade des Kaisers ermuntert, zog das Unglück seines Landesherrn, und die Gefahr seinesVaterlandes vorerß^N Erwägung, und erbat sich selbst bei dieser Gelegenheit gar nichts vomKaiser, sondern flehete demüthiglich blos für seinen gefangenen Herrn mit folgenden Worten:„Ünbezwinglicher und gnädigster Kaiser, da Ew. Maj. nach dem Willen Gottes gesiegt, und mei-nen Hrn. den Erlauchtesten Fürsten im Kampfe auf dem Schlachtfelde gefangen haben, so bitteich demüthigst, Ew. Maj. möge nach Ihrer angeborenen Mäßigung, dem gefangenen Fürstenverzeihen und Gnade widerfahren lassen. Es ist nicht zu zweifeln, daß Ihnen der gnädigste Gottdas erfreulichste Glück dafür werde angedeihcn lassen." Darauf erwiederte der Kaiser: er würdegar keine Ungerechtigkeit gegen den Fürsten verüben; und entließ Lucas reich beschenkt von sich.