Der sorgfältigsten Kopie gab er ganz den Anschein,der Originalität. Seine Sprache schmiegte sich,wie ein geschmeidiges Wachs, in alle Eigenheitender andern Sprachen. Ihm entwischte nicht derkleinste Werth einer Partikel, einer Ellipse, einerInversion. Aufs genauste kannte er die Gränzenzwischen Kürze und Dunkelheit, zwischen Nachdruckund Schwerfälligkeit, zwischen Treu und Steifig-keit. Wie tief er hierüber nachgedacht habe, be-weist er durch seine Uebersezungen so wol als durchseine Kritiken.
Wenn er übersezte, so verrieth er immer durchdie Wahl der Originalschriften seinen Patriotismusfür die deutsche Litteratur. Die Werke, die erwählte, sollten den Nationalgeschmak läutern. *)Darum übersezte er unter andern die Schauspieledes Diderot, nebst dessen treflichen Abhandlungenüber die dramatische Kunst. Er besas eine unge-meine Wissenschaft unserer Sprache. Er hatteihre ersten Quellen gekostet; er hatte von ihremStrome getrunken, wie er sich in den Zeiten derMinnesinger ergoß; er übersah ihren fernern Lauf
*) Leßing arbeitete an einer deutschen Uebersezungdes Sophocles. Sechs Bogen sind davon ge-druckt unter dem Titel: Gotth. Ephr. LeßingsSophocles. Erstes Buch. Von dem Leben»es Dichters. Berlin 176«. bey Voß.