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Leonard Meisters Characteristik deutscher Dichter : nach der Zeitordnung gereyhet / mit Bildnissen von Heinrich Pfenninger
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I

Z55

überall bey mir Recht haben? Mit Nichten. Ge- rade vielmehr das Gegentheil: Weil ich ihn für ein grosses Genie erkenne, bin ich gegen ihn anf,« meiner Hut. Ich weiß, daß ein feuriges Pferd auf eben dem Steige mit feinem Reiter den Hals brechen kann, über welchen der bedächrliche Efel ohne zu Straucheln geht.

Man wird sich erinnern, mit welchem Enthu-siasmus Leßing unfers Wielands Agathon an.pries : *) mit gleicher Unparlheylichkcit bestrafte erzehn Jahre vorher desselben Angriff gegen Uzen,tadelte feine damalige Sprachmengerey, beschranktefeine noch wilden Ausbrüche der Phantasie. **) Soließ er auch einem Geliert, Haüer, Kleist, Meiste ,Dufch u. a. in Lob und Tadel Gerechtigkeit wider-fahren. Die vertrauteste Freundschaft hielt ihn vonder Strenge der Kritik nicht ab; auch kannte erseine Freunde viel zu gut, als daß er sie dadurch zu-tränken hätte besorgen dürfen. Ich bin überzeugt,» sagt er, daß das Auge des Künstlers grossenthcils viel scharfsichtiger ist, als das scharfsichtigste sci- ner Betrachter. Unter zwanzig Einwürfen, die ihm diese machen, wird er sich von neunzehn,5 erinnern, sie während der Arbeit sich selbst gemacht,,z und sie auch schon sich selbst beantwortet zuhaben.Z -

*) S. Dramaturgie TX 1 X. St.

**) Litt. Br. 7. L. 14.