255
und die ganze Nacht hindurch blies nicht ein Lüftchen, um auch nur denAthem zu erfrischen. Lionello hatte keinen größern Feind, als die Ruheund lieber waren ihm drei Tage Sturm, als ein Tag mit ruhigemWinde. Und weil er immer von den grausamen Qualen seiner Furiengepeinigt war, so pflegte er schon um drei Uhr Nachts auf's Verdeck zusteigen und da, den Rauch einer Cigarre mächtig von sich blasend, heftigauf und ab zu gehen.
Jene Nacht war für ihn qualvoller als alle anderen: er sah an derSchwelle seiner Cajüte Alfred's blutiges Gespenst hoch aufgerichtet stehen,das ihn finster anstarrte, ohne ein Wort hervorzubringen; mit einer Handhielt es die Halswunde zu, die dumpf wie das Röcheln eines Sterbendenaufwallte und rauchte, in der andern hielt es einen Dolch, den es wü-thend schwang. Lionello fährt von seinem Bette und auf die Gestalt zuum sie zu umarmen; der Schatten verschwindet und Lionello steigt entsetzt aus's Berdeck. Aber ach! Alfred steht wieder da hinter dem Steuer-ruder, und schaut ihn fest an, er ist mitten zwischen den beiden Skeletender Creolin und ihres Genossen. Lionello hört ihre Knochen klappern, und eskommt ihm vor, als erhebe die Creolin den fleischlosen Finger und fahredamit in ihre Augenhöhlen, und dann stecke sie ihn zwischen die Zähneund beiße hinein, wie wenn sie Rache drohte. Lionello fühlt, Laß sickihm alle Haare sträuben; er wagt keinen Schritt mehr zu thu». Unter-dessen meint er das Geschrei und Gekreisch der Geier zu hören, die umihn Herumkreisen, und vernimmt daS Flattern und Schwirren der Flügel,die ihm das Gesicht streifen. Er beugt und dreht sich nach der anderenSeite; sieh! da sitzen die drei Gespenster auf dem kurzen Gangspill, dieGeier lassen sich auf dem Bugspriet nieder und sehen ihn stumm und finster an.
Kaum stiehlt sich der erste Lichtstrahl über den Meeresspiegel, so ath-met Lionello wieder auf; allmälig verschwinden die entsetzlichen Bilderund zerfließen, aber immer noch dräuend und rachcathmend, im Meere.Jetzt steigt er sorgsam und voll schlimmer Ahnung auf den Hauptmast-korb und blickt um sich, wie er immer bei Tagesanbruch zu thun gewohntwar. Der Tag rückte herauf; wie er nun das Auge an's Fernrohr hält,um nach dem äußersten Horizont zu spähen, meint er gegen Guatimalazu eine Rauchsäule zu sehen. Bei diesem Anblick beginnt ihm das Herz zupochen, er klettert noch höher bis an den Flaggcnstock, klammert sich andie Stange und späht mit seinem vortrefflichen Telcscop in die Ferne.Ein großer Kriegsdampfer ist im Anzüge und hält die Richtung nachden Sandwichsinseln. Lionello hat auch schon im nächsten Augenblickseinen Entschluß gefaßt. Er ist sicher, daß das Schiff nach irgend eine?.'