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Die Tageszeiten : ein Gedicht in vier Büchern / von Friedrich Wilhelm Zachariä
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46 Der Mittag.

Ein holdseliges Paar, durch Lieb' und Tugend vereinigt;

Welches das Schicksal lange verfolget, und endlich besänftigtDurch die härtesten Leiden, mit allem Glücke beseligt;

Lebte die heitersten Tage in einer Gegend , wie Eden,

In der zärtlichsten Liebe dahin. Ein einsamer LustwaldHatte den glücklichen Daphnis in seine Schatten gelocket.

Hier überfiel ihn der Mittag mit einem betrügrischen Schlummer,

Welcher von einer rauschenden Esche sanft auf ihn herabsank.

Lanze hoffte die zärtliche Daphne auf ihren GeliebtenMit der geringen Mahlzeit; und sah mit sehnlichen BlickenVoller Bangigkeit nach ihm aus Sie hoffte vergebens;

Und gieng nun mit eilenden Schritten die einsamen Stege^

Die sie öfters mit ihrem Daphnis zum Lustwald gewandelt.

Als sie aus dem Gehölz' auf eine Wildwies'heraustrat;

Sah sie von fern schon erfreut den angebeteten Jüngling,

Von dem süßesten Schlummer auf duftenden Kräutern gewiegek.

Einige Schritte von ihm blieb sie enkzückungsvoll stehen,

Und betrachtete alle die Reize der männlichen Schönheit,

Die im Schlummer die Wange mit höheren Farben geröthet.

Als sie ihn zärtlich einige süße Minuten betrachtet,

Schoß sie wie ein Pfeil auf ihn zu, und fiel vor ihm nieder,

Und die schönsten Lippen küßten den glücklichen Daphnis.

Ach! wie kurz war sein Glück! Auf eine verborgene SchlangeTrat, die unglückliche Daphne; sie ward im Küssen verwundet,

Und ihr Helles Geschrey erweckte den zitternden Daphnis.

O! mein Geliebter, was hat mich verwundet! O rette mich, Daphnis!"'

Sprach