608 n Brief. Fortgesetzte Nachricht
riorum erhalten hätten, so waren doch auch viele heidnische gemeine Leute, welche mit Sandehandelten, und also wohl wissen konnten, wo die Christen ihren Sand hernahmen. Zu washätten den Christen auch die Gänge von etlichen deutschen Meilen dienen sollen, da ihrer we-nige waren, und sie sich selbst täglich darinnen würden verirret haben. Denn da die Chri-sten an der Zahl und Macht die Oberhand erhielten, dachte ohnedem niemand weder an ver-borgene Aufenthalte noch heimliche Begräbnisse. Gesetzt es waren in den Zeiten der Ver-folgungen fünfzig bis sechszigtausend Chriftenseelen in Rom gewesen, welche in diese Grüfteihre Zuflucht genommen, wie hätten sie ihren Unterhalt ohne verrathen hieher bringen oderdenselben nebst ihrer Gesundheit unter so vielen taufenden todten Leichnamen, und anderm Un-flate, der nicht abstießen konnte, erhalten mögen ? Man findet nicht die geringsten Kammernoder räumige Plätze, so zu Verwahrung der Lebensrnittel oder zur Wohnung der Menschenhätten dienen können. Die wenigen engen Kabinette, welche man antrifft, sollen zu Lesungder Messe gebraucht worden seyn; allein, da auch diese nur einen engen Ein - und Ausganghaben, so ist nicht zu begreifen, wo die Zuhörer können gestanden haben. Zu gemeinenNachtlagern wird man diese Winkel nicht gebraucht, sie auch nicht zulänglich für.etliche tau-send Menschen gefunden haben, und in den schmalen Gängen hat niemand liegen können.
Ich überlasse anbey zu eines jeden eigener Ueberlegung, wie mancherley Versuchungenbeyderley Geschlecht in solchen düstern Holen, da jedermann zu dem andern kommen, und kei-ner dem andern ausweichen konnte, würden unterworfen und dargestellet gewesen seyn. Dieersten Bekenner hatten zwar eine viel feurigere Andacht als die heutigen Maulchristen; alleinsie waren doch Menschen, welche Fleisch und Blut an sich hatten, und mit dessen unordent-lichen Begierden noch so manchen Kampf auszustehen hatten, daß die Kirchenhistorien mehrals zu viele Exempel vor Augen legen, wie Fleisch und Blut, Ehrgeiz, Geldgeiz und Wollustüber diese geistlichen Kämpfer die Oberhand behalten haben. Was würden nicht auch dieHeiden den Christen für gar wahrscheinliche Vorwürfe gemacht haben, wenn endlich (solltees auch erst nach den Zeiten Konstantins des großen erfolget seyn) herausgekommen wäre,daß sv viele-tausend Menschen beyderley Geschlechts in dunkeln und wenig erleuchteten Löchernlange Zeit beysammen gestecket hätten? Des durchlauchtigen Herzogs von Braunschweig-Wolfenbüttel, Anton Ulrich, Beschreibung der Catacomben und der Lebensart, welche dieersten Christen darinnen geführt haben möchten, ist sehr angenehm in der Oälavia zu lesen;allein den Begriff, welchen man aus diesem Roman von solchen unterirdischen Wohnungengeschöpfet, wird man gar bald auf die Seite legen, wenn man in die römischen CatacombenNeapolitani- tritt. Diejenigen, so man zu Neapolis besuchet, schickten sich wegen ihrer schönen breitensehe Osta- und hohen Gewölber viel besser zu einem solchen Gedichte; allein je prächtiger diese Werke
cowdn. sind, desto unwahrscheinlicher können sie als ein Unternehmen weniger und unterdrückter Leu-
te, die alles heimlich haben thun müssen, angesehen werden.
Was die c->- Wenn man nun die Sache beym Lichte besieht, so wird sich finden, daß die römischentzcoiiil)« ei- Oit-ioomb'L ursprünglich nichts anders sind, als die I'miculi, von welchen Horaz, Varrogentlich sind? Lestus Pompejus als solchen Oertern gedenken, worein man anfänglich die Leichender Sclaven und des gemeinen Volkes, woran man die Unkosten des Brandes nicht wendenwollte noch konnte, hinlegte. Die Ausgrabung der oder des zumKalk undBauen sehr
nützlichen Sandes, welcher häufig in Italien als in Adern beystimmen liegt, mag hiezu diebeste Gelegenheit gegeben haben, vornehmlich weil diese Gegenden außerhalb der Stadt la-gen. Mit der Zeit hat man auch Leute von besseren Stande dahin begraben, weil ausge-macht ist, daß die Römer schon als Heiden, und ehe die Christen die Oberhand bekamen, sich