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Paul Heyse.
steiler vertraut geworden ist, sich in seinen Schriften freibewegt, dunkel fühlt, dass gewisse Charakterzüge bei ihmdie andern beherrschen, und dann von Natur einen kritischenHang hat, so lässt es Einem keine Ruhe, bevor man sichselbst über seinen Eindruck Rechenschaft gegeben und sichdas undeutliche Bild eines fremden Ich, das sich in unsermInnern gebildet, klar gemacht hat. Man hört oder liest Urtheileüber einen Schriftsteller und findet sie albern. Warum sindsie albern? Andere Aeusserungen über ihn dünken uns halb-wahr. Was fehlt ihnen, um völlig wahr zu sein? Ein neuesgrosses Werk von ihm erscheint. Wie ist es von den früherenschon vorbereitet? Man wird fast neugierig, zu erfahren, wieman selbst sein Talent charakterisiren würde — und manbefriedigt seine Neugier.
I.
Wer einen Blick auf die lange Reihe enggedruckter Bändewirft, die Paul Heyse's gesammelte Werke bilden, undsich erinnert, dass der Geburtstag des Verfassers in dasJahr 1830 fällt, wird vermuthlich zuerst ausrufen: WelcherFleiss! Unwillkürlich wird er diese Staunenswerthe Produc-tivität auf eine Willenskraft von seltener Ausdauer zurück-führen. Nichts desto weniger entstammt sie einer seltenglücklichen Natur. Diese Natur war an und für sich vön soüppiger Fruchtbarkeit, dass sie ohne Willensanspannung oderKraftanstrengung ihre Ernte geliefert hat; sie hat sie somannigfach geliefert, dass man glauben möchte, sie sei nacheinem bestimmten Plane und mit sorgsamem Willen gepflegtworden; es war ihr jedoch augenscheinlich vergönnt, völligfrei zu walten. Die Natur walten, „sich gehen zu lassen“ *,
1 Auf Schritt und Tritt sich aufzupassen,
Was soll es frommen?
Wer nicht wagen darf, sich geh’n zu lassen,Wird nicht weit kommen.
P. H.