Paul Heyse.
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das war, wie man fühlt, von Anfang an Heyse’s Wahlspruch,und so kommt es, dass er mit Eigenschaften, die zu einerzerstreuten, spärlichen und fragmentarischen Production zuführen pflegen, jedes Unternehmen vollendet und abgerundet,dass er lyrische und epische Gedichte, ein grösseres Epos(Thekla), ein Dutzend Dramen, mehr als fünfzig Novellen,und zwei grosse Romane geschrieben hat. Er begann früh-zeitig, schon als Schüler trat er seine literarische Laufbahnan. Und sorglos wie ein Fusswanderer, sein Lied vor sichhinpfeifend, nie sich übereilend, aus jeder Quelle trinkend,stillstehend vor den Sträuchern am Wege, und Blumen wieBeeren pflückend, im Schatten ausruhend und im Schattenwandernd, hat er nach und nach eine Bahn durchschritten,die nur möglich scheint, wenn man das Auge bei athem-losem Marschiren fest auf das Ziel heftet.
Die Stimme, der Heyse als Schriftsteller folgt, ist un-zweifelhaft die Stimme des Instincts. Nichts liegt ihm, obwohler Norddeutscher ist, ferner als Instinctlosigkeit und Ab-sichtlichkeit. Obgleich in Berlin geboren, fasst er in MünchenWurzel und findet in der vollblütigen süddeutschen Race unddem säftereichen süddeutschen Leben die Umgebungen, diemit seiner Anlage übereinstimmen; obgleich in Süddeutsch-land zu Hause, fühlt er sich immer nach Italien hingezogen,wie nach dem Lande, wo die Menschenpflanze ein von derReflexion noch weniger gestörtes, schöneres und üppigeresWachsthum erreicht hat, und wo die Stimme des Blutesam klarsten und stärksten spricht. Diese Stimme ist dieSirenenstimme, die ihn lockt. Natur! Natur! klingt es inseinem Ohre. Deutschland hat Schriftsteller, die fast instinct-los scheinen, und die nur ein kräftiger norddeutscher Willezu dem, was sie geworden, gemacht hat (wie Karl Gutzkowz. B.), andere (wie Fanny Lewald), deren Werke vorAllem das Gepräge eines kräftigen norddeutschen Ver-standes tragen. Nicht wollend oder überlegend, sondernseinem inneren Drange folgend, schafft und formt Heyseseine Werke.