Paul Heyse.
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Denn dies vor Allem, dünkt mich, ist der Punkt,
Wo Freigeborne sich vom Pöbel scheiden,
Der feig und heuchlerisch herumhallunkt.
Den nenn’ ich vornehm, der sich streng bescheidenDie eigne Ehre gibt und wenig fragt,
Ob ihn die Nachbarn lästern oder neiden.
Und mit fast ähnlichen Worten spricht die früher vonaristokratischem Schein geblendete Toinette diesen Grund-gedanken aus: „Es gibt nur Eine wahre Vornehmheit: sichselber treu zu bleiben. Gemeine Menschen kehren sieh andas, was die Leute sagen, und bitten Andere um Auskunftdarüber, wie sie selbst eigentlich sein sollen. Wer Adel insich hat, lebt und stirbt von seinen eigenen Gnaden und istalso souverän“ I . Diese Art von Adel ist denn der Stempel,den die ganze, diesem Dichtergehirn entsprungene Menschen-race trägt. Sie besitzen ihn alle, vom Bauer bis zum Philo-sophen, und vom Fischermädchen bis zur Gräfin. Die ein-fache Kellnerin in der „Reise nach dem Glück“ spricht eineLebensansicht aus, die genau mit der eben angeführten zu-sammenfällt 2 , und wer sich nur die Mühe geben mag, dieSchriften Heyse’s zu durchblättern, wird entdecken, dassdas kleine Wort „vornehm“ oder ein Aequivalent dafürimmer eins von den ersten ist, die er anbringt, sobald esgilt zu charakterisiren oder zu preisen. Man sehe z. B. ineinem einzigen Band derNovellen die Anwendung des Wortes„vornehm“, um die äussere Erscheinung, Blick und Haltungzu bezeichnen (in „Mutter und Kind“, in „Am todten See“,in „Ein Abenteuer“ VIII. 44, 246, 321). Oder man durch-blättere, um sich von der durchgreifenden Bedeutung diesesCharakterzuges zu überzeugen, Heyses zwei Romane. In„Kinder der Welt“ bezeichnen alle die dem Leser sympa-thischen Personen sich gegenseitig als adlige Geister: Fran-zelius nennt Edwin und Balder die wahren Aristokraten der
1 K. d. W. 11, 47.
2, G. W. V, 201. Seite 175 wird das Wort „vornehm 41 von ihr gebraucht.