Paul Heyse.
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troffen wird und die Persönlichkeit sich weit besser und tüchti-ger, weit edelgesinnter erweist, als Jemand geahnt hatte.Bei fast allen andern Dichtern ist die Enttäuschung die erttge-gengesetzte. In den Novellen, wie z. B. in „Barbarossa“ oder„Die Pfadfinderin“, wird die Versöhnung dadurch bewirkt,dass die schlechte Person der Erzählung zuletzt in sich geht,und da der Kern ursprünglich gut ist und der Betreffendewohl manchen hitzigen und schlechten, aber keinen eigent-lich bösen Blutstropfen in sich hat, kommt eine Art Friedens-schluss zwischen ihm und dem Leser, zur Verwunderung desletzteren, zu Stande. Weit bedeutsamer jedoch als in denNovellen tritt dieser charakteristische Optimismus in Heyse’sDramen hervor. Sie verdanken ihm ohne Frage ihre bestenund wirkungsvollsten, vielleicht ihre entschieden dramatisch-sten Scenen. Ich will ein paar Beispiele anführen. In „ElisabethCharlotte“ hat der Chevalier von Lorraine unedle Mittel allerArt benuzt, um die Heldin zu stürzen und die männlicheHauptperson des Stückes, den deutschen Gesandten GrafenWied, aus Frankreich zu entfernen. Von dem Grafen ge-fordert, ist er schwer verwundet worden, und als jenervon politischen Intriguen umstrickt, in die Bastille geschicktworden ist, tritt er im fünften Act im Audienzzimmer desKönigs auf. Was kann er wollen? Den Grafen noch ärgeranklagen? sein unehrenhaftes Betragen fortsetzen, das seinemGegner schon so viel Unglück und ihm selbst eine Wundeeingetragen hat? Wird er sich rächen, die Lage ausnutzen?Nein, er kommt, um die feierliche Erklärung abzugeben,dass der Graf wie ein echter Edelmann gehandelt hat, unddass er selbst an dem Duelle Schuld ist. Er wünscht so-gar, selbst in die Bastille gesandt zu werden, damit seinGegner nicht glaube, er hätte ehrlos einen unrichtigen Grunddes Duells angegeben; mit anderen Worten: sogar in diesemverderbten Hofmanne lebt das Ehrgefühl als Rest des alt-französischen Rittergeistes, ersetzt bis zu einem gewissenGrad das Gewissen, und zwingt ihn im entscheidenden Augen-blick sich von seinem Schmerzenslager zu erheben, um zu