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Moderne Geister : literarische Bildnisse aus dem 19. Jahrhundert / von Georg Brandes
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Paul Heyse.

Gunsten des Feindes einzuschreiten, den er rachsüchtig undrücksichtslos verfolgt hat. In dem schönen und volks-tümlichen SchauspielHans Lange findet sich eine Scene,die bei der Aufführung die Zuschauer in atemloser Spannunghält, und deren Ausgang immer vielen Augen Thränenentlockt: es ist die Scene, wo das Leben des Junkers aufdem Spiele steht. Er ist verloren, wenn die Reiter ahnen,dass er es ist, der als Sohn des Juden verkleidet auf derBank liegt. Da tritt der Grossknecht Henning auf, von Reiterngeführt, die ihn im Stalle haben brummen hören, er wissewohl, wo der Hase im Pfeffer liege. Henning ist vom Junkerverdrängt worden; bevor dieser nach Lanzke kam, war erwie ein Kind im Hause, jetzt ist er weniger als Stiefkindgeworden und er hat immer einen Groll auf den Vorge-zogenen gehabt. Mit grösster Kunst wird die Scene nunso geführt, dass Henning trotz der Bitten und Verwünsch-ungen der Eingeweihten immer deutlicher zu verstehen gibt,dass er sich an dem Junker rächen wolle, dass er wisse,wo derselbe sei, und dass keine Macht in der Welt ihn da-von abhalten werde, seinen Feind zu verrathen bis er,feurige Kohlen auf des Anderen Haupt sammelnd und sichmit dem eingejagten Schrecken begnügend, endlich dasBlatt vom Munde nimmt um die ihm jetzt natürlich blind-lings vertrauenden Verfolger vollständig auf die falsche Spurzu bringen. Und genau von derselben Natur ist endlichdie entscheidende und schönste Scene in dem patriotischenDramaColberg. Es wird Kriegsrath gehalten, aber auchdie Bürger sind berufen, denn die Wichtigkeit des Augen-blicks macht es wünschenswerth, dass alle Stimmen gehörtwerden. Alle Hoffnung für die belagerte Stadt scheint auszu sein. Der französische General hat ein Schreiben ge-sandt, um Gneisenau zu einer ehrenhaften Capitulation auf-zufordern. Das ganze Officiercorps erklärt sofort, dassvon Uebergabe der Festung keine Rede sein kann, undGneisenau legt dann der Bürgerschaft die Frage vor, obman sich vom Feinde eine Frist erbitten solle um den