Paul Heyse.
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Lottka’s wird geadelt, indem das nach aussen gebundene,aber innerlich freie Ich sich eine Hingebung, welche dieVerhältnisse verbieten, unter keiner anderen Bedingungdenken kann, als unter der, dass sie den Tod zur Folgehat. Das Anrecht zum Glücke eines flüchtigen Augenblickswird durch Selbstmord erworben.
Den Glücksbecher, den diese Persönlichkeiten leeren,hat ihr Schicksal mit Gift gewürzt. Heyse behauptet mit-hin für diese heroischen Seelen das Recht, einen Streitder Pflichten anders zu lösen, als „der ängstliche, von klei-nen Gewohnheiten und Rücksichten eingeengte Mittelschlagder Philister“ es zu thun pflegt, und in der Einleitung zuseiner „Beatrice“ 1 hat er selbst seine ethische Ketzerei mitdiesen Worten theoretisch formulirt: „Geniale Naturen, dieauf sich selbst beruhen, erweitern durch ihre Handlungen,indem sie das Maass ihrer innern Kraft und Grösse als einBeispiel vorleuchten lassen, eben so sehr die Grenzen dessittlichen Gebiets, wie geniale Künstler die hergebrachtenSchranken ihrer Kunst durchbrechen und weiter hinausrücken.Und was an Uebermass und Uebermuth des Selbstgefühlsin jenen heroischen Seelen sich rühren mag, wird es nichteben durch den tragischen Untergang geläutert und gebtisst?“ ;
Nicht weniger als durch diese immer nahe liegendeAssociation mit Untergang und Tod adelt Heyse die Liebe,legitim oder illegitim, wie oben berührt, durch die Art derHingebung. Sie ist immer bewusst. Diese Weiber lassen sichnie hinreissen, sie verschenken sich als eine freie Gabe —wenn sie sich überhaupt verschenken. So schon in Arbeitenaus Heyse’s früher Jugend, wie „Der Kreisrichter“ 2 , so in„Rafael“, in „Lottka“ und so vielen andern Novellen inProsa und Versen. Ueberall ist die Selbstherrlichkeit unddas Selbstbestimmungsrecht des Individuums gewahrt. Frei
1 G. W. VIII, 168.
2 G. W. VI, 71: „Ich bin einmal in meinem Leben verkauft worden.Wie wollen die Menschen mich nun schelten, wenn ich mich verschenke,um jene Schmach zu verschmerzen!“