26
Paul Heyse.
des Mädchens erringen könne. Erst im Dunkel des Braut-gemachs wagt Lanciotto sich seiner Braut zu nähern. Aberauch Paolo liebt Francesca, wie sie ihn wieder liebt. Es istalso kein Wunder, dass die junge Frau, als sie den plumpenBetrug entdeckt, dessen Beute sie geworden, sich durchdie Liebkosungen ihres Gatten entehrt fühlt, und weit ent-fernt davon, ihre Liebe zu Paolo als Sünde zu betrachten,sie als berechtigt und heilig ansieht.
Der Kuss von Deinem Munde war die Hostie
Die den entehrten Mund mir neu gereinigt.
Um seine Verschanzung recht tüchtig zu bauen, hatalso der Dichter in dieser naiven Jugendarbeit sich den un-möglichsten, an den Haaren herbeigezogenen Fall construirt;denn was kann ungereimter sein, als dass Paolo aus purereinfältiger Gutmtithigkeit gegen einen verächtlichen Bruderseine Geliebte dem gemeinsten Betrüge preisgibt, der nochdazu sein eigenes Lebensglück vernichtet. Aber man findetin diesem grellen Beispiel den Typus, nach welchem inHeyse’s so zahlreichen späteren tactvollen und feinen Ar-beiten die moralische Collision construirt wird. Ich greifeauf’s Gerathewohl einige Beispiele heraus: in „Beatrice“ istdie gesetzliche Ehe, welche die Liebesgeschichte durch-bricht, eine Zwangsehe, ebenso unheilig wie die Ehe Fran-cesca’s, obschon besser motivirt. In „Cleopatra“ wehrt derjunge Deutsche sich so hartnäckig gegen die Liebe derschönen Aegypterin, wie Graf Wetter von Strahl bei Kleistsich gegen die Leidenschaft des Käthchens von Heilbronn.Erst als die Sehnsucht nach ihm Cleopatra dem Tode nahebringt, entsteht zwischen ihnen das Liebesverhältniss. Diestolze Gabriele, in der Novelle „Im Grafenschlosse“, lässtsich erst dann zu ihrer „Gewissensehe“ mit dem Grafenüberreden, als er sein Leben ihretwillen aufs Spiel gesetzthat. Die junge Frau in „Rafael“ erkauft sich einige Stundendes Zusammenseins mit dem Geliebten für lebenslänglicheEinsperrung in’s Kloster: die Hingebung Garcinde’s und