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Moderne Geister : literarische Bildnisse aus dem 19. Jahrhundert / von Georg Brandes
Entstehung
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Paul Heyse.

da, wie in den modernen französischen Novellen, die nur einpsychologisches oder physiologisches Interesse befriedigenwollen; sie hat ihren eigenthümlichen Entwicklungsgang undihr selbständiges Interesse. Eine Novelle wie die durch diealtväterliche Anmuth des Styls so reizendeAbendsceneChristian Winthers 1 hat den Mangel, dass nichts in ihrgeschieht.. Die Novelle ist bei Heyse nicht ein kleines Zeit-bild oder Genrebild; es geschieht Etwas, und es geschiehtimmer etwas Unerwartetes. Die Handlung. ist in der Regelso angelegt, dass an einem gewissen Punkt ein unvorher-gesehener Umschlag eintritt, eine Ueberraschung, die, wennder Leser zurückdenkt, sich immer als in dem Vorhergehendengründlich und sorgfältig motivirt erweist. An diesem Punktspitzt sich die Handlung zu7~Hier laufen ihre Fäden in einenKnoten zusammen, aus welchem sie in entgegengesetzterRichtung sich weiter spinnen. Der Genuss des Lesers be-ruht auf der Kunst, womit der Zweck, den die Handlungerstrebt, gradweise immer mehr und mehr verschleiert undverdeckt wird, bis die Hülle plötzlich fällt. Seine Ueber-raschung beruht auf der Gewandtheit, mit welcher er an-scheinend mehr und mehr von dem gerade über dem Aus-gangspunkt liegenden Endpunkte entfernt wird, bis er schliess-lich entdeckt, dass er in einer Spirallinie geführt worden istund sich direkt über dem Punkte, wo die Erzählung anfing,befindet.

Heyse hat selbst in der Einleitung zu seinemDeut-schen Novellenschatz sich über das Princip ausgesprochen,dem er in der Novellencomposition huldigt. Hier, wie inder Einleitung zurStickerin von Treviso, macht er denengegenüber, die das ganze Gewicht auf Styl und Vortraglegen wollen, darauf aufmerksam, dass die Erzählung alsErzählung, was Kinder die Geschichte nennen, doch dienothwendige Grundlage der Novelle ist und bleibt und ihreeigenartige Schönheit hat. Er betont, dass er nach seiner

i Heyse und Kurz, Novellenschatz des Auslandes, Bd. VIII.