Paul Heyse.
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Aesthetik der Novelle den Vorzug gebe, deren Grundmotivsich am deutlichsten abrundet und — mehr oder wenigergehaltvoll — etwas Eigenartiges, Specifisches schon in derersten- Anlage verräth. „Eine starke Silhouette fährt erfort, „dürfte dem, was wir im eigentlichen Sinn Novellenennen, nicht fehlen I .“ Mit dem Ausdruck Silhouette meintHeyse den Grundriss der Geschichte, wie eine gedrängteInhaltsangabe ihn nachweist, und er veranschaulicht durchein treffendes Beispiel und eine treffende Bezeichnung seinenGedanken. Er führt die Inhaltsangabe einer Novelle Boc-caccio’s an:
„Federigo degli Alberighi liebt, ohne Gegenliebe zufinden; in ritterlicher Werbung verschwendet er all’ seineHabe und behält nur noch einen einzigen Falken; diesen,da die von ihm geliebte Dame zufällig sein Haus besuchtund er sonst nichts hat, ihr ein Mahl zu bereiten, setzt erihr bei Tische vor. Sie erfährt, was er gethan, ändert plötzlichihren Sinn und belohnt seine Liebe, indem sie ihn zum Herrnihrer Hand und ihres Vermögens macht.“
Heyse hebt hervor, dass in diesen wenigen Zeilen alleElemente einer rührenden und erfreulichen Novelle liegen,in der ’ da,s Schicksal zweier Menschen durch eine äussereZufallswendung, die aber die Charaktere tiefer entwickelt,aufs liebenswürdigste sich vollendet, und er fordert darumauch den modernen Erzähler auf, selbst bei dem innerlichstenoder reichhaltigsten Stoffe sich zuerst zu fragen, wo „derFalke“ sei, das Specifische, das diese Geschichte von tausendandern unterscheidet.
Er hat in der Forderung, die er an die Novelle richtet,insbesondere die Aufgabe charakterisirt, die er sich selbstgestellt und die er erfüllt hat. Er zieht den bizarren Falldem typisch alltäglichen vor. Man kann in der Regel sosicher sein in seinen Prosaerzählungen einen „Falken“ zu
* Heyse und Kurz, Deutscher Novellenschatz. Bd. I, S. XIX.
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