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Paul Heyse.
finden, wie jener Untersuchungsrichter es war, hinter jedemVerbrechen eine Frau zu entdecken. In „L’Arrabbiata“ istder Biss in die Hand der „Falke“, im „Bild der Mutter“die Entführung, in „Vetter Gabriel“ der aus dem „Briefstellerfür Liebende“ abgeschriebene Brief. Der Leser kann, wenner selbst bei Heyse nach besagtem wilden Vogel suchenwill, sich einen Einblick in die Compositionsweise des Dichtersverschaffen. Nicht immer ist er so leicht zu fangen’, wie in/den angeführten Fällen. Mit einer Erfindsamkeit, einer be-henden Grazie, die bei einem Nicht-Romanen äussert seltenist, hat Heyse es verstanden, den Knoten der Ereignissezu schürzen und zu entwirren, das psychologische Problemzu stellen und zu lösen, das er in der Novelle isolirt.Er vermag den einzelnen eigenthümlichen Fall rein und scharfnovellistisch von dem allgemeinen Cultur- und Gesellschafts-zustande, in welchem er ein Glied ist, abzuheben, ohne wiedie romantischen Novellendichter, den Vorgang ins Unwirk-liche und Märchenhafte hinüberspielen und ohne ihn jemalsin eine blos epigrammatische Pointe auslaufen zu lassen.Seine Novellen sind weder kurze Romane, noch lange Anek-doten. Sie haben zugleich Fülle und streng geschlosseneForm. Und so knapp diese Form auch ist, hat sie sich dochgeschmeidig genug erwiesen, um den verschiedenartigstenStoff in sich aufnehmen zu können. Die Novelle Heyse’sschlägt viele Saiten an, wohl am häufigsten die zarten undseelenvollen, aber auch die komischen (wie in dem amü-santen Schwank „Die Wittwe von Pisa“), die phantastischen(wie in der Hoffmanniade „Cleopatra“), ja ein vereinzeltesMal die. schaurigen (in dem peinlichen Nachtsttick „DerKinder Sünde der Väter Fluch“). Die Novelle, wie er sie be-handelt, grenzt an die Gebiete Alfred de Musset’s, Merimee’s,Hoffmann’s und Tieck’s, hat aber doch ihre ganz besondereDomäne, wie ihr ganz eigenthtimliches Profil.