40
Paul Heyse.
keine spannende Geschichte mit Wende- und Angelpunktfesselnder sein könnte. Zum Abschluss tönen diese sel-tenen Terzinen, welche durch die Behandlung ein ganz neuesVersmass geworden sind, ebenso überraschend, wie genialund kühn, in die Accorde dreier naturfrischer Ritornelleaus. Allen Theorien zum Trotz behauptet eine Dichtung,wie diese, ihren Platz.
Es will -mich überhaupt bedünken, als mache Heysesich einen.junrichtigen Begriff von der Bedeutung des poe-tischen Styls. Theoretisch fürchtet er dessen selbständigeEntwickelung und mag keine Werke, die „lauter Vortragund Styl“ sind. Nichtsdestoweniger hat er in Gedichten wie„Das Feenkind“ und noch mehr in einem Gedichte wie„Frauenemancipation“ selbst solche Productionen geliefert.Das erste von diesen Gedichten ist fein und graziös, aberder Scherz dauert reichlich lange — von Schlagsahne isstman nicht gern allzu viel; das andere, dessen Tendenz übrigensdie beste ist, leidet an einer Plauderhaftigkeit ohne Salz.Aber ein ausgeprägter Styl ist ja auch nicht dasselbe wiedie formelle Virtuosität des Vortrags. Dass ein Sprachktinstlerwie Heyse, der Uebersetzer Giusti's, der Troubadours, deritalienischen und spanischen Volkslieder, diese im vollstenMasse besitzt, versteht sich von selbst. Allein der in Wahr-heit künstlerische Styl ist nicht die formelle Anmuth, diesich gleichmässig über alles verbreitet: Styl im höchstenSinne des Wortes ist Durchführung, in allen Punkten durch-geführte Form. Wo Sprachfarbe, Ausdruck, Diction, per-sönlicher Accent noch eine gewisse abstracte Gleichartig-keit haben, wo es nicht gelungen ist, in jedem Momentden Charakter sich in allen diesen äusseren Formen ab-spiegeln zu lassen, da hängt die sprachliche Draperie, auswie leichtem Gewebe sie auch bestehen mag, steif und todtum die Persönlichkeit des Sprechenden. Der vollkommenemoderne Styl dagegen umschliesst diese, wie das Gewandden griechischen Redner, die Haltung des Körpers und jedeBewegung hervorhebend. Der virtuosenhafte Vortrag kann,