Paul Heyse.
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selbst wenn er „glänzend“ ist, traditionell und trivial sein;der echte Styl ist das nie. An der Erzählungsweise in Heyse’sNovellen habe ich nicht viel auszusetzen; seine dramatischeDiction spricht mich nicht so an.
Mancher wird vielleicht meinen, wenn einige der histo-rischen Dramen Heyse’s nicht die Anerkennung, wie seineNovellen, gewonnen haben, so liege es daran, dass sie zuwenig Handlung und zu viel Styl besitzen. Wenn das WortStyl aber verstanden wird, wie ich es hier bestimmt habe,so muss man gewiss eher sagen, dass ihre Jambenform ab-getragen war und dass sie nicht Styl genug haben. DieDiction in „Elisabeth Charlotte“ z. B. trägt weder hin-länglich die Farbe des Zeitalters, noch der Person, welchespricht. Man vergleiche nur die hinterlassenen derben Me-moiren der Prinzessin. Der Dichter hat bei seiner fabel-haften Fertigkeit, sich in jedes poetische Genre hinein zufinden, ein Drama ebenso leicht zu Stande zu bringen, wieer eine Geschichte erzählt, sich die Arbeit etwas zu bequemgemacht. Die kleine Tragödie „Maria Moroni“, die unterden Schauspielen den Novellen am nächsten steht, könntesowol durch Plan wie durch Charakterzeichnung den italieni-schen Dramen Alfred de Musset’s, an die es erinnert, würdigzur Seite stehen, wenn sie in der Sprachfarbe nicht so vieltrockener wäre. Der Dialog Musset’s funkelt nicht nur vonWitz, sondern lodert zugleich von Innigkeit und Leben.Heyse ist in seinen Dramen nicht so persönlich mit seinerganzen Seele an jedem Punkte zugegen gewesen. Aberdies: „an jedem Punkte“ ist der Styl.
Wie ich also wegen der Vorzüglichkeit des Vortragsden „Salamander“ unter den versificirten Novellen am höch-sten schätze, so würde ich um der Idee willen unter denProsaerzählungen dem „Letzten Centaur“ einen hohen Platzgeben, obwohl diese Novelle ebenfalls zu denen gehört,die der Definition am fernsten stehen. Es handelt sich inihr nämlich nicht um eine Begebenheit oder einen Conflictin einem bestimmten Lebenskreise, nicht um einen beson-